k.k. Hofopernsänger Josef Ritter

Josef Ritter: Ein Opernstar aus Salzburg

Entstehungszeitraum: 1891-1905
Entstehungsort: Wien
Objektart: Lorbeerkranz, Fotos
Autor: Foto: Rudolf Krziwanek (1843-1905); Kranz: unbekannt
Artikel-Autor: Christian Flandera
Material: Kranz: Silberblech, tw. vergoldet; Fotos 50787: Lithografie; Foto 54233: Fotoabzug auf Karton
Größe: Kranz: 23,3 X 20,8 cm; Foto 50787: 31 x 22,2 cm; Foto 54233: 16,5 x 11 cm
Standort/Signatur: Salzburg Museum Inv.-Nr. K 15403-49, Foto 50787 & 54233
Physisch benutzbar: ja
Literatur: 

Wir schreiben das Jahr 1907: Mit einer Mischung aus Verwunderung und Missgunst vermerkte der behandelnde Arzt, dass ihn der Patient duzte und von Kaiser Franz Josef I. nur als „Franzl“ sprach! Zu entnehmen sind diese Anmerkungen einem Patientenakt der „Landesheilanstalt für Gemüts- und Nervenkranke“ in Maxglan – heute als Christian-Doppler-Klinik bekannt. Der Patient über den so berichtet wurde, war niemand geringerer als Josef Ritter. Doch wer bitte war Josef Ritter?



Sein bemerkenswerter Lebensweg
führt ihn, den Wirtshaussohn vom Fuße des Unterbergs, über mehrere Stationen
bis an die Hofoper nach Wien. Geboren wurde Josef Ritter in Drachenloch bei
Grödig am 3. Oktober 1859. Ritters Eltern unterstützten „ihren Seppl“ nach
Kräften. Das innige Verhältnis Ritters, besonders zu seiner Mutter,
manifestierte sich nicht nur in den Erzählungen von Zeitgenossen, sondern auch
im prächtigen Begräbnis, dass er für sie in Salzburg nach ihrem Tod 1894 ausrichten
ließ.

Nach dem Besuch der
Volksschule in Grödig wechselte Richter in die k.k. Normal-Hauptschule in der
Stadt Salzburg. Hier musste er, ebenso wie später in der k.k. Ober-Realschule
eine Klasse wiederholen. Die Ober-Realschule besuchte er von 1872 bis 1874, ehe
er nach der 2. Klasse aus der Schule ausschied. Auch seine Gesangsausbildung am
Salzburger Domsingknaben-Institut währte nur kurz: In den Schülerlisten vom 3.
März 1871 findet sich seine Name und am 2. Juni 1872 wird hier vermerkt: „Josef
Ritter muss wegen ständigem Ungehorsam aus dem Institut entlassen werden.“
Trotzdem wurde er an der Violine mit „gut“ und an der Klarinette mit „sehr gut“
benotet. Um sich und seine Mutter über Wasser halten zu können, so wird
berichtet, nahm er einen Nebenjob im Salzburger k.k. Theater an und sammelte so
erste Bühnenerfahrung. Seine musikalischen Fähigkeiten verbesserte er auch als
Klarinettist in einer Formation, die bei Hochzeiten und anderen Feierlichkeiten
im Umfeld der Stadt Salzburg auftrat.

Laut Ritters eigenen Ausführungen
wechselte er 1875 ans Konservatorium in München, um dort seine Ausbildung bis
1879 fortzusetzen. Vermutlich war mit „Konservatorium“ die „Königlich
Musikschule“ gemeint. 1879 erhielt er sein erstes Engagement als Schauspieler
und Sänger am Straßburger Stadttheater, ehe er 1880 Ensemblemitglied am
Frankfurter Stadttheater wurde. In Frankfurt brillierte er unter anderem als
„Melcthal“ in Gioachino Rossinis Wilhelm Tell.

Höhenflug
in Hamburg

Doch erst sein Wechsel nach
Hamburg (1881) ans dortige Stadttheater ließ seinen Stern am Opernhimmel
aufgehen. Seit 1868 war hier bereits der österreichische Bariton Rudolf Freisauff
von Neudegg (1827-1893) unter dem Theaternamen „Freny“ erfolgreich. Josef
Ritter wurde als „intelligenter und eleganter“ Spielbariton gefeiert. In dieser
Zeit sang er Wagnerpartien, wie jene des Steuermanns in „Tristan und Isolde“ im
Jahr 1883. Im selben Jahr wurde ihm in Hamburg die „Große Silberne
Rettungsmedaille“ verliehen – für welche Tat ist derzeit noch unbekannt. In
Hamburg heiratet er auch die damals umjubelte Altistin Marie Goetze
(1865-1922). Doch allerspätestens mit dem Ende von Ritters Engagement in
Hamburg trennten sich auch die Wege des Ehepaares Ritter – auch wenn die Ehe nach
derzeitigen Kenntnisstand nie geschieden wurde. Goetze erhielt im Herbst 1891
eine fixe Stelle an der königlichen Berliner Oper. Bereits zuvor nahm sie
regelmäßig Auftritte in New York wahr und um die Jahrhundertwende nahm sie
bereits Schallplatten z.B. bei Anker-Record
oder Gramophone Concert Record auf. Der
Abschied der beiden aus Hamburg ist wahrscheinlich auch der Grund für die
Widmung eines Lorbeerkranzes. Laut Gravur wurde dieser am 19. April 1890 „Dem
hochverdienten Künstlerpaar Herrn Josef Ritter und Frau Gemahlin“ von einem unbekannten
Gönner „G.S. & Frau“ überreicht. Der Kranz mit den Maßen 22 mal 20 cm, besteht
aus Silberblech und Messing und ruht auf einem roten Samtkissen.

Wechsel
an die Wiener k.k. Hofoper

Im August 1889 trat Josef
Ritter erstmals an der k.k. Hofoper in Wien im Rahmen eines Gastspiels auf. Er
sang dabei die Titelrolle des „Hamlet“ in der Oper des französischen Komponisten
Charles Louis Thomas (1811-1896). Kritik und Publikum waren von seiner Stimme begeistert
und spendeten „rauschenden Beifall“. Wenige Tage zuvor war sein Auftritt
bereits der Höhepunkt des „Oberösterreichisch-salzburgischen Sängerbundfest“
gewesen. Er blieb seiner Heimat weiterhin treu und gastierte z.B. beim
Festkonzert der Mozart-Centenarfeier 1891 in der Stadt Salzburg. Bei diesem
Fest trat übrigens auch sein Hamburger Kollege Rudolf Freny (Freisauff) auf. 1893
widmete der, ebenfalls in Wien lebende, Komponist Theobald Kretschmann
(1850-1919) „seinem Freund und dem verehrten Künstler Seppel Ritter“ drei
Lieder.

Ritter wurde an die Hofoper
berufen und erhielt vorerst einen 3-Jahres-Vertrag. Sein Debut in fixer
Anstellung gab er am 1. August 1891 als „Barbier“ im „Barbier von Sevilla“. In
folgenden Jahren sang Ritter den Figaro in „Le Nozze di Figaro“, den Dr. Cajus
in „Die lustigen Weiber von Windsor“ oder den John in „Das Heimchen am Herd“.
Am öftesten trat er jedoch als „Gefängnisdirektor Frank“ in der „Fledermaus“
und den Peter in „Hänsel und Gretel“ vor das Wiener Publikum. Zusätzlich trat
Ritter bei zahllosen anderen Gelegenheiten auf: So sang er 1894 in Anwesenheit
von Johannes Brahms dessen „Ein deutsches Requiem“.

Der
Rückzug nach Salzburg

Langsam aber sicher zeichnete
sich – aus stimmlichen Gründen – sein Karriereende ab. Bereits im April 1905
legte er sein Amt als Präsident des Österreichischen Bühnenvereins zurück. Am
Samstag den 17. Juni 1905 endete schließlich seine bemerkenswerte Karriere an
der Wiener k.k. Hofoper: An diesem Abend sang Josef Ritter letztmalig in der
„Fledermaus“ eine seiner Paraderollen. Vermutlich zu seinem Abschied aus Wien
erhielt er – so die Gravur – am 15. Juni neuerlich einen Lorbeerkranz, dieses
Mal mit der Widmung „Dem unvergesslichen Künstler“. Wobei ihm sein sehnlichster
Wunsch – der Titel eines Kammersängers – bis zum Schluss verwehrt blieb.

Nach seinem Rückzug von der
Bühne übersiedelte Ritter mit seiner Braut, Adolfine „Fini“ Hauffe (1858-1912) nach
Salzburg-Parsch in den Heffterhof. Die aus Wien stammende Hauffe war von 1871
bis 1895 Ensemblemitglied des k.k. Hofopernballetts und zuletzt eine der
Solotänzerinnnen. Nach seiner Übersiedlung war Ritter noch voller Tatendrang
und versuchte beispielsweise die Freimaurerei in Salzburg wieder heimisch zu
machen. Er versuchte ein so genanntes „Kränzchen“ unter dem Namen „Mozart“ zu
etablieren. Denn Ritter selbst war Mitglied der Freimaurer-Loge „Sokrates“ aus
Pressburg. Mangels einheimischen Freimaurern setzte sich das Kränzchen aus Mitgliedern der Logen „Humanitas“, „Sokrates“, sowie der Münchener Loge
„Zur Kette“ und des Reichenhaller Kränzchens „Bruderkette am Untersberg“ zusammen.

Krankheit und Tod

Doch im Mai 1907 machten sich
bei ihm, anscheinend aus heiteren Himmel, religiöse Wahnideen bemerkbar. In
seinem Krankenakt wurde vermerkt, dass er am Nachmittag des 30. Mai nach Wien
fahren wollte, um mit Kaiser Franz Joseph I. „über die Geistlichkeit zu
sprechen“. Am Vormittag des nächsten Tages tauchte er dann in den
Räumlichkeiten von Fürsterzbischof Johannes Baptist Kardinal Katschthaler (1832-1914)
auf und behauptete mit dem Segen des heiligen Ruperts zu handeln. Laut
damaligen Zeitungsmeldungen nötigte er auch Passanten, sich niederzuknien, um ihnen den Segen
spenden zu können. Im Laufe dieses Tages wurde Ritter schließlich, begleitet
von Polizei und Ärzten, in die Landesheilanstalt Maxglan eingeliefert. Die
Ärzte standen seiner Geisteskrankheit hilflos gegenüber und verordneten Bäder
und unter anderem täglich fünf Gramm Brom. Eine Änderung seines Zustands trat
dadurch nicht ein und so verloren die Ärzte bald Interesse an ihrem prominenten
Patienten. Wurde er in der ersten Woche nach seiner Einlieferung noch vier Mal
untersucht, so war kam der Arzt im zweiten Halbjahr nur mehr zwei Mal vorbei.

Der Chefredakteur des Salzburger
Volksblatts, Rudolf von Freisauff von
Neudegg (1848–1916),
wurde vom Gericht zu seinem Kurator bestellt. Freisauff war der Sohn des
Hamburger Sängerkollegen Ritters, Rudolf Freny (Freisauff), und ein Freimaurer
wie Ritter. Am 21. Juni 1911 verstarb Josef Ritter in der Landesheilanstalt. Bei
seinem von hunderten Menschen besuchten Begräbnis am 23. Juni in der
Kollegienkirche, dem Dom bzw. am Salzburger Kommunalfriedhof waren zahlreiche
Mitglieder des Ausschusses des Mozarteum, unter anderem der Direktor des
Mozarteums, Josef Reiter (1862-1939) vertreten. Seine Braut verstarb nur sieben
Monate nach ihm, und so wurde der Nachlass der beiden im März 1912 in Salzburg
versteigert. Zwei Jahre später gelangten die beiden Lorbeerkränze über den damaligen
Salzburger Bürgermeister Max Ott (1855-1941) in den Besitz des Salzburg Museum.

Warum ist Josef Ritter heute
weitgehend vergessen? Wohl weil es von ihm, dem Sänger, am wesentlichsten
fehlt: Tondokumente!