Barockes Thesenblatt

  • Entstehungszeitraum: Mitte des 18. Jahrhunderts
  • Entstehungsort: Augsburg
  • Objektart: Thesenblatt
  • Autor/KĂĽnstler: Johann Georg BergmĂĽller; Gabriel Bodenehr jun.; Gottlieb Heuss
  • Artikel-Autor: Josef Sturm/Hemma Ebner
  • Material/Technik: Mezzotinto/Papier
  • Größe: 75cm x 51cm
  • Standort/Signatur: Stiftsmuseum Mattsee, Inv.-Nr. 647
  • Physisch benutzbar: ja
  • Literatur:

    https://www.dorotheum.com/de/l/7120180/
    Kloster Polling – Wikipedia
    Thesenblatt – Wikipedia
    Johann Georg Bergmüller – Wikipedia
    Gabriel Bodenehr der Ältere – Wikipedia
    Schabkunst – Wikipedia

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Gedruckte Thesenblätter kamen, vor allem im jesuitisch geprägten Umfeld, in der Barockzeit in Mode. Sie dienten zur Ankündigung einer sogenannten „Disputation“, der kommissionellen Abschlussprüfung (Doktorprüfung) an einer Universität und wurden daher öffentlich angeschlagen bzw. als Einladung an Adelshäuser, andere Klostergemeinschaften usw. verschickt. Im Laufe der Zeit wurden sie immer großformatiger und prächtiger ausgestaltet. Dementsprechend teuer war die Anfertigung.

Thesenblätter wurden immer nur in kleinen Auflagen mit wenigen Exemplaren gedruckt und sind daher heute begehrte und seltene Sammelobjekte. Die Darstellung des Klosters im Hintergrund lässt darauf schließen, dass das vorliegende Blatt für einen Mönch aus Polling bestimmt war. Der (möglicherweise) ursprünglich vorhandene Text (Ort und Datum der Disputation, Name des Prüflings, Prüfungsthemen – seine „zu verteidigenden“ Thesen) ist hier nicht erhalten.

Das großformatige, barocke Thesenblatt zeigt eine allegorische Darstellung der drei Kardinaltugenden Glaube, Hoffnung und Liebe als junge Frauen mit den Attributen Kelch (Glaube), Anker (Hoffnung) und Herz (Liebe) sowie weiteren Attributen. Gemeinsam mit verschiedenen Engeln umgeben sie den Gekreuzigten, aus dessen geöffneter Seite ein Strahl entspringt, der auf eine zu Füßen des Kreuzes sitzende Frau herniedergeht. Im Hintergrund ist die Anlage des Klosters Polling zu erkennen, mit zwei berittenen Jägern und Hunden, die ein Tier (Reh?) stellen, das zu einem Kreuz Zuflucht genommen hat. Diese kleine Darstellung könnte ein Hinweis auf eine Gründungslegende sein, der zufolge Bayernherzog Tassilo III. (um 741 – um 796) das Kloster um 753 errichten ließ.

Kloster Polling liegt im oberbayerischen Landkreis Weilheim-Schongau (südwestlich von München) und war ursprünglich eine Benediktinerabtei, später siedelten sich Augustiner-Chorherren an. Im Mittelalter war Polling Ziel von Wallfahrten. Nach einem Brand um 1400 begann der Kirchenneubau im gotischen Stil, im Laufe vieler Jahrzehnte wurden große Teile der Klosteranlage umgestaltet (Prefektur, Refektorium, Bibliothek).

Nach 1700 begann der barocke Neubau der Klosteranlage, wobei man auch die – nunmehr vom Gedankengut der Jesuiten geprägte – Schule erweiterte. Polling wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts ein wichtiges Zentrum der naturwissenschaftlichen Bildung, mit eigener Sternwarte, naturwissenschaftlichem Kabinett und umfangreicher Bibliothek mit rund 80.000 Bänden. Die Mönche publizierten zum Teil selbst, einer von ihnen, Eusebius Amort (1692-1775) war zudem Mitbegründer der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Zugleich unterstützte das Kloster um 1750 maßgeblich den Bau der Wieskirche.

Nach dem Verbot des Jesuitenordens in den 1770er Jahren und Auflösung des Klosters 1803 übernahm ein Schweizer Fabrikant die gesamte Anlage und begründete eine Musterlandwirtschaft. Heute wird das ehemalige Kloster als Hospiz geführt, einige weitere Betriebe haben sich angesiedelt.

Für ein Thesenblatt legte ein Vorzeichner, höchstwahrscheinlich nach Kundenwunsch, die gesamte Bildkomposition an. Beim vorliegenden Blatt stammen Entwurf und Gestaltung vom renommierten, in Augsburg ansässigen Maler Johann Georg Bergmüller (1688-1762), der vor allem als gefragter Kirchenmaler (Fresken, Altargemälde) arbeitete. Nun wurde das Blatt einem Kupferstecher übergeben. Hier fertigte Gabriel Bodenehr der Jüngere (1705-1792), der einer angesehenen Augsburger Kupferstecherfamilie entstammte, die Druckplatte an. Die Schwierigkeit beim Anfertigen einer Druckplatte besteht grundsätzlich darin, die Darstellung exakt spiegelbildlich widerzugeben, um sie danach seitenrichtig drucken zu können. Die hier verwendete Technik, die sogenannte Mezzotinto- oder Schabtechnik kann als „verfeinerte Variante des Kupferstichs“ bezeichnet werden. Dieses Tiefdruckverfahren erlebte vor allem im 17. und 18. Jahrhundert eine besondere Blütezeit und wurde speziell für großformatige Einzelblätter angewendet.

Beim Mezzotintoverfahren wird die Kupferplatte mit verschiedenen Werkzeugen vollständig aufgeraut, bis sie mit einem dichten, gleichmäßigen Raster überzogen ist. Ein Abdruck wäre nun samtig-schwarz. Der Kupferstecher glättet hierauf alle Partien und Flächen, die im Abdruck hell erscheinen sollen. Je sorgfältiger poliert wird, desto heller wird das Ergebnis. Mit dieser sehr aufwendigen und langwierigen Technik wird eine praktisch alle Nuancen umfassende, kontrastreiche Licht- und Schattenwirkung erzielt. Die empfindlichen Druckplatten gestatten allerdings eine Auflage von maximal 100 Exemplaren.

Schließlich erhielt der Augsburger Verleger Gottlieb Heuss den Auftrag zum Druck. Die Grafik präsentiert sich heute mit Passepartout, Glas und Rahmen. Das vorliegende Thesenblatt ist für das Stiftsmuseum Mattsee von Bedeutung, weil es eine Ansicht des Klosters Polling zeigt, das ebenso wie Mattsee auf eine Gründung von Bayernherzog Tassilo III. zurückgeht.