Brief aus Paris an Abt Dominikus Hagenauer von St. Peter

  • Entstehungszeitraum: 18. Juli 1789
  • Entstehungsort: Paris
  • Objektart: Brief
  • Autor/Künstler: P. Corbinian Gärtner OSB
  • Artikel-Autor: Gerald Hirtner
  • Material/Technik: Tinte auf Papier
  • Größe: 22,6 x 18,6 cm
  • Standort/Signatur: Archiv der Erzabtei St. Peter, Akt 55-17/139
  • Physisch benutzbar: ja
  • Literatur:

    Gerald Hirtner und Christoph Brandhuber, Zwischen Bastille und Benediktineruniversität. Rektor P. Corbinian Gärtner OSB von St. Peter in Salzburg (1751–1824), in: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktiner-Ordens und seiner Zweige 122, 2011, S. 369-479.

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Sternstunden der Menschheit sind selten und sie mitzuerleben wohl eine Fügung des Schicksals. Auf derart schicksalshafte Weise gerieten zwei Salzburger Benediktiner mitten in den Ausbruch der französischen Revolution – ein „Live-Bericht“ aus Paris 1789.

P. Corbinian Gärtner (1751–1824) und P. Johannes Hofer (1757–1817) traten als junge Männer in das Kloster St. Peter in Salzburg ein. Wie andere Vertreter der monastischen Lebensform in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts standen sie unter Legitimationsdruck, passten sie doch gar nicht in das aufgeklärte und von Nützlichkeitserwägungen geprägte Weltbild der damaligen Eliten Europas. Bekannter Weise löste etwa Kaiser Joseph II. ab 1782 in seinen Ländern eine Reihe von Klöstern auf.

Die beiden Benediktiner P. Corbinian und P. Johannes entschieden sich für diesen Lebensentwurf wohl nicht zuletzt, weil sie in der Aufklärung und der monastischen Lebensweise keinen absoluten Gegensatz sahen. P. Corbinian, Sohn eines Verwaltungsbeamten und gebürtig aus Schwaz in Tirol, hatte vor seinem Klostereintritt an der Salzburger Benediktineruniversität studiert. P. Johannes, ein Salzburger Kaufmannssohn, begann nach dem Klostereintritt mit dem Studium in Salzburg.

1786 wurden sie auf Wunsch des Salzburger Fürsterzbischofs Hieronymus Graf Colloredo (reg. 1772–1803) und auf Kosten des Abtes von St. Peter, Dominikus Hagenauer (reg. 1786–1811), zum weiteren Studium an deutsche Universitäten gesandt. Ziel der Reise war die Vorbereitung auf eine geplante Lehrtätigkeit an der Salzburger Benediktineruniversität.

Ihre Studienstationen waren die Universitäten in Würzburg, Gießen, Göttingen und Mainz. P. Corbinian hatte die Möglichkeit am Reichskammergericht in Wetzlar als Akzessist (Praktikant) tätig zu sein. Während dieser Zeit blieb man mit dem Salzburger Hof, dem Kloster St. Peter und der eigenen Verwandtschaft durch regelmäßigen Briefkontakt in Verbindung. Etwa jede zweite Woche wurde an Abt Dominikus Bericht erstattet.

Nach mehr als zwei anstrengenden Studienjahren, als sie bereits mit der Rückreiseerlaubnis rechneten, kam eine unerwartete Wende. Fürsterzbischof Colloredo beharrte darauf, dass sie ihre Grand Tour mit einer Reise nach Paris krönten. Als vehementer Vertreter staatskirchlicher Bestrebungen im Hl. Römischen Reich wollte der Landesfürst P. Corbinian dort gallikanisches Kirchenrecht studieren sehen. Auch sollten die beiden Benediktiner ihre französischen Sprachkenntnisse perfektionieren und sich mit der königlichen Bibliothek (heute: bibliothèque nationale de France) vertraut machen. Gegen ihren ursprünglichen Willen brachen die beiden Benediktiner im April 1789 über die Österreichischen Niederlande (heute Belgien) nach Frankreich auf.

Man wusste um die massiven sozialen und politischen Spannungen im Zielland und berichtete darüber in der französischsprachigen Korrespondenz, die Colloredo „ganz begierig“ vernahm. Nicht vorhersehbar waren aber die revolutionären Ereignisse, die mit der Erstürmung der Bastille am 14. Juli 1789 ihren gewaltsamen Anfang nahmen. Die beiden Salzburger wurden Augenzeugen und Berichterstatter der Ereignisse – „il s’est fait une révolution“!

Der erste Teil des vorliegenden Briefes beinhaltet Gratulationen zum bevorstehenden Namenstag des Abts (Hl. Dominikus, 8. August). Im Folgenden fasste P. Corbinian in knappen, aber klaren Worten den Ernst der politischen Lage und die epochale Bedeutung der Ereignisse in Versailles und Paris zusammen. Bereits in einem Monat oder früher wolle man von Paris nach Hause aufbrechen. Einen Kreditbrief des Kaufmanns Hagenauer hätten die beiden Reisenden vernichtet, da das Mitführen eines solchen gefährlich sei.

Weitere Details wurden wohl dahingehend ausgespart, um den Abt nicht zu sehr zu beunruhigen. Als Geistliche waren P. Corbinian und P. Johannes besonders gefährdet und das wusste auch Abt Dominikus, der die baldige Rückreise befürwortete – im Gegensatz zu Fürsterzbischof Colloredo, der eine Rückkehr für Oktober 1789 wünschte.

Schließlich konnten sie ab 10. August 1789 unerkannt über Straßburg nach Salzburg flüchten. An der Benediktineruniversität Salzburgen wurden sie wenig später promoviert und traten dort ihre Lehrtätigkeit an. Nach Frankreich sind sie nie zurückgekehrt. Als ein Andenken an die miterlebte Sternstunde hat sich bis heute ihr Briefwechsel mit Abt Dominikus erhalten.

Transkription

À Monseigneur Monseigneur Dominique Abbé de S. Pierre et Conseiller intime à Salzbourg en haute Allemagne per Strasbourg et Munich

Paris le 18 Juillet 1789

Monseigneur,

Votre fête, qui approche, me fournit l’occasion favorable de vous renouveller les assurances sinceres de mon très-profond respect. Je prie le Seigneur de vous maintenir en santé jusqu’à l’age le plus avancé, de vous combler de benedictions et de faire réussir toutes vos entreprises. Je joins à ceux ces voeux les mouvemens zêlés d’un coeur qui vous est consacré. Je vous prie de recevoir gracieusement cet hommage, que je vous rens autant par reconnoissance que par de- voir et de me continuer vos faveurs et votre amour. Je ferai tous mes efforts pour ne pas m’en rendre indigne.

Il m’est impossible <Monseigneur> de vous écrire tout ce qui s’est passé à Paris et à Versailles, il y a dix jours. Cependant je vous assure, qu’ il s’est fait une revolution, qui doit servir de marque éternele [sic] à la veritable Gloire de la nation françoise et de Louis XVI; que nous nous trouvons bien et que nous pensons de partir d’ici dans un mois ou plutot.

Comme i lest dangereux d’avoir toujours sur soi des lettres de credit, j’ai dechiré celle de M. votre Pere à M. Peplier à Strasbourg. Monseigneur, je vous prie de faire écrire aussitot [/] à ce M. Peplier et de l’accompagner avec une lettre à nous encore accompagnée avec une lettre de credit à M. Peplier, qui retienne notre lettre jusqu’à ce, que nous venons à Strasbourg. Il ne nous manquerois pas d’Argent, mais nous ne voulons pas en toucher ici plus, qu’il nous est necessaire jusqu’y.

J’ai l’honneur d’ètre avec le plus profond respect

Monseigneur

Votre tres humble et tres obeissant serviteur P. Cor- binien