Dekan Johann Sebastian Wisinger aus Mattsee

  • Entstehungszeitraum: 1692
  • Entstehungsort: Mattsee
  • Objektart: GemĂ€lde
  • Autor/KĂŒnstler: unbekannt
  • Artikel-Autor: Josef Sturm/Hemma Ebner
  • Material/Technik: Öl auf Leinen
  • GrĂ¶ĂŸe: 78cm x 101cm
  • Standort/Signatur: Stiftsmuseum Mattsee, Inv. Nr. 69
  • Physisch benutzbar: ja
  • Literatur:

    Bundesdenkmalamt (Hrsg.), Dehio – Handbuch Salzburg, Wien 1986, S. 230 ff

    Franz Calliari (Hrsg.), Festschrift zur 1200-Jahr-Feier des Stiftes Mattsee, Mattsee 1977, S. 25-28

    Kunsthistorisches Institut der k. k. Zentral-Kommission fĂŒr Denkmalpflege (Hrsg.) ÖKT X/II, die Gerichtsbezirke Mattsee und Oberndorf, Wien 1910

    Mattsee, Matriken: TFBTRBSTB I, 1713-1775, 07-Tod_0001 http://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/salzburg/mattsee/TFBTRBSTBI/?pg=1

    Stiftspfarre Mattsee (Hrsg.), Mattsee – Stiftspfarrkirche St. Michael, Christliche KunststĂ€tten Nr. 520, Salzburg 2010

    Josef Sturm: Vor 300 Jahren starb Johann Sebastian Wisinger, in: Pfarrbrief der Stiftspfarre Mattsee, FrĂŒhjahr 2013

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Johann Sebastian Wisinger war einer der bedeutendsten Dekane des Collegiatstifts Mattsee. In den dreiunddreißig Jahren seines Wirkens (1680 – 1713) initiierte der kunstsinnige Geistliche die barocke Umgestaltung des romanisch-gotischen Kirchenraums und stattete das Stift mit kostbarem Liturgischen GerĂ€t, GemĂ€lden und Reliquien aus. Das meiste davon finanzierte er aus eigenen Mitteln. Mattsee erlebte unter ihm eine besondere BlĂŒtezeit.

Die – wohl zu Lebzeiten gemalte – Halbfigur (die meisten anderen, eigentĂŒmlich steifen Mattseer Dechantenportraits dĂŒrften posthum entstanden sein) zeigt Johann Sebastian Wisinger in schwarzer Soutane mit Beffchen und breiten, spitzenbesetzten Manschetten. Sein Blick ist auf den Betrachter gerichtet, das etwas schĂŒttere, schulterlange Haar trĂ€gt er akkurat gescheitelt, ein schmaler Oberlippenbart betont den Mund. Seine rechte Hand liegt elegant an der Knopfleiste, wĂ€hrend die linke, mit einem Ring geschmĂŒckt, ein Buch hĂ€lt. Der Bildunterschrift ist zu entnehmen, dass das Portrait den damals SechsundvierzigjĂ€hrigen im Jahre 1692 zeigt. Das Sterbedatum 1713 wurde nach seinem Tod ergĂ€nzt. Der ovale Bildausschnitt umschließt die Darstellung vor einer roten Draperie. Der Rahmen im Empirestil ist jĂŒngeren Datums und ĂŒberdeckt teilweise die Beschriftung am unteren Rand.

Johann Sebastian Wisinger stammte aus Deggendorf in Bayern. Als Bakkalaureus der Theologie und Magister der Philosophie hatte er eine fundierte Ausbildung. Im Alter von nur vierunddreißig Jahren wurde er 1680 zum Dekan gewĂ€hlt. Zu Beginn seiner TĂ€tigkeit lag das Ende des DreißigjĂ€hrigen Krieges nur wenige Jahrzehnte zurĂŒck. In dieser Nachkriegszeit waren die Preise in die Höhe geschnellt, viele Vagabunden und marodierende Gruppen machten das Land unsicher. Um das Stift Mattsee stand es nicht gut. MĂ€ngel in der FĂŒhrung und Bewirtschaftung, ĂŒber lĂ€ngere ZeitrĂ€ume verschleppt, begannen sich auszuwirken. Umso wichtiger erschien es dem Mattseer Kapitel, entgegen den Vorgaben aus Passau (Mattsee gehörte ja bis 1807 kirchlich zur Diözese Passau), einen jungen, tatkrĂ€ftigen Mann an die Spitze zu wĂ€hlen.

Wisingers Verdienst war es, dass er relativ rasch Ordnung in die Unordnung brachte und den Wirtschaftsbetrieb wieder auf solide Beine stellte. Damals unterstanden dem Stift Mattsee knapp 400 Untertanen. Wisinger erließ Statuten, die alles Weltliche und das geistliche Leben regelten. Unter anderem wurde darin auch die Obsorge fĂŒr Archiv und Bibliothek festgelegt. WĂ€hrend seiner Amtszeit wurden verschiedene bauliche Maßnahmen getĂ€tigt, ein neues Chorherrenhaus errichtet, das ProbsteigebĂ€ude erweitert und die Kirche von Grund auf saniert.

1685 veranlasste Johann Sebastian Wisinger die ÜberfĂŒhrung der Gebeine des Hl. Cölestin, eines MĂ€rtyrers und Katakombenheiligen von Rom ĂŒber Einsiedeln nach Mattsee. Im sĂŒdlichen Querschiff errichtete er dafĂŒr einen neuen Altar. Mit diesen Reliquien und deren Verehrung, die bald darauf einsetzte, traf Wisinger offenbar den Nerv der Zeit. Der Leib wurde aufwendig gefasst und in einen vergoldeten und kostbar ausgestatteten glĂ€sernen Sarkophag gelegt. Man ließ Cölestinbildchen drucken und Ablasspfennige prĂ€gen. Die besondere WertschĂ€tzung, die man den Reliquien entgegenbrachte, zeigt sich unter anderem darin, dass der damalige Pfleger von Mattsee, Christoph Paurnfeindt von Eiß den Familienschmuck seiner verstorbenen Frau Anna Barbara, einer geborenen Grimming von Niederrain, dem Stift zur Ausstattung des Cölestinaltars ĂŒbergab.

Johann Sebastian Wisinger begrĂŒndete 1689 die Maria Trost Bruderschaft und ließ den Altar im nördlichen Querhaus als Bruderschaftsaltar mit dem Altarbild Maria Trost schmĂŒcken. Zu diesem Bild scheint er eine besondere Beziehung gehabt zu haben.

1693 musste die mittlere Glocke ausgetauscht werden, so man contra tempestates malignas tempore aestivo [gegen die schweren Gewitter im Sommer] gebraucht, und das Stiftskapitel wandte sich an Erzbischof Johann Ernest Graf Thun, er möchte sie reparieren oder umgießen lassen. Dieser ließ sich schließlich zu einer Spende von 100 fl. bewegen, da der Pfleger berichtet hatte, dass gedachte Wetterglocken denen Untertanen ein großer Trost gewest, in deme durch dero Klang augenscheinliche Zertrennung der schweren Wetter verspĂŒrt werden. Die Segnung erfolgte durch den damaligen Salzburger Domdechant (und spĂ€teren Erzbischof) Franz Anton Graf Harrach.

Um 1700 ließ Wisinger aus eigenen Mitteln den Kirchenraum ĂŒber und ĂŒber mit barockem Stuck ausstatten, trug jedoch Sorge, dass dies auf behutsame Weise geschah. Auch heute noch ist das ursprĂŒngliche Erscheinungsbild der mittelalterlichen Querhausbasilika gut erkennbar, der reiche, vegetabile Stuckdekor fĂŒgt sich harmonisch in das Ganze. Zudem stattete Wisinger die Kirche mit kostbaren Liturgischen GerĂ€ten aus, dem Kapitelkreuz, der prachtvollen Monstranz des Passauer Silberschmieds Tobias Schuhmann, dem Kreuzpartikelreliquiar, um nur einige zu nennen. Im gleichen Jahr kam eine Kopie des Altöttinger Gnadenbildes nach Zellhof, eine rege Wallfahrt setzte ein.

Johann Sebastian Wisinger starb am 13. Februar 1713 im Alter von 67 Jahren. Sein Epitaph aus Adneter Marmor befindet sich im nördlichen Querhaus der Stiftskirche in unmittelbarer NĂ€he zum Maria Trost Altar. Das tiefe, ĂŒberaus qualitĂ€tvolle Relief zeigt ihn knieend und betend mit reich gefĂ€lteltem Chorrock. Eine stilisierte SĂ€ule mit seinem Wappen am Postament, eine Draperie im Hintergrund, Linien, die Bodenplatten andeuten, all das suggeriert einen sakralen Innenraum. Vor ihm erhebt sich eine Altarmensa, auf der sich Wolken tĂŒrmen, aus denen ihm die Muttergottes als Maria Trost entgegenkommt. Eine lange lateinische Inschrift in der unteren HĂ€lfte des Epitaphs verweist auf seine Verdienste