Die Zunfttruhe – Ritueller Mittelpunkt des Zunftwesens

  • Entstehungszeitraum: 1706
  • Entstehungsort: Salzburg
  • Objektart: Truhe
  • Autor/Künstler: unbekannt
  • Artikel-Autor: Urd Vaelske
  • Material/Technik: Nussholz, bemalt
  • Größe: H: 43 cm, B: 60 cm, T: 41 cm
  • Standort/Signatur: Salzburg Museum, Inv.-Nr. 9-38
  • Physisch benutzbar: nein
  • Literatur:

    Jahresbericht des städtischen Museum Carolino Augusteum zu Salzburg für 1889, S. 68.
    Jahresbericht des städtischen Museum Carolino Augusteum zu Salzburg für 1899, S. 76 f.
    Arnd Kluge: Die Zünfte. Stuttgart 2007.
    Österreichische Kunsttopographie, Bd. XVI: Die Kunstsammlungen der Stadt Salzburg. Wien 1919, S. 283, Fig. 370.
    Peter Putzer: Vom Zunftzwang bis zur Gewerbefreiheit. Aspekte der rechtlichen Ordnung des Salzburger Gewerbes. In: Heinz Dopsch (Hrsg.): Vom Stadtrecht zur Bürgerbeteiligung. Festschrift 700 Jahre Stadtrecht von Salzburg. Salzburger Museum Carolino Augusteum, Jahresschrift 33, 1987, S. 107–125.
    Reinhold Reith: Das alte Handwerk. Von Bader bis Zinngießer. München 2008.
    Hans Roth: Von alter Zunftherrlichkeit. Rosenheim 1981.
    Leopold Schmidt: Zunftzeichen. Zeugnisse alter Handwerkskunst. Salzburg 1973.
    Maria Vinzenz Süß: Beiträge zur Geschichte des salzburgischen Zunftwesens. In: Jahresbericht des vaterländischen Museums Carolino-Augusteum für das Jahr 1855, Salzburg 1855, S. 56–72.

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Als Mitte des 19. Jahrhunderts die Zünfte aufgelöst wurden kamen sehr viele „Zunftaltertümer“ in die Museen. So kam auch die, aus dem Jahr 1706 stammende, Zunftlade der Müller ins Salzburg Museum.

Es ist erstaunlich, wie stattlich die Anzahl an Zunftgeräten ist, die das Salzburg Museum bewahrt. Es handelt sich hierbei um Truhen, Kassen, Kreuze, Stangen, Pokale, Humpen, Krüge, Kannen, Becher, Stammtischzeichen, Hauszeichen, „Willkomm“ genannte Zunfttrinkgefäße und um ein Gestaltgefäß, einen sogenannten Binderschlögl. Derartige, im gemeinschaftlichen Besitz der Zünfte befindliche Gegenstände waren unverzichtbare Bestandteile des Zunftrituals, das die Aktivitäten der

Zünfte bestimmte. Das Salzburg Museum ist mit dem umfangreichen Bestand an „Zunftaltertümern“ allerdings kein Einzelfall, auch in zahlreichen anderen Museen des gesamten deutschsprachigen Raums sind sie in großer Zahl zu finden. Der Grund dafür liegt in der Auflösung der Zünfte kurz nach der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Einführung der Gewerbeordnung ihr Ende darstellte. Nicht nur die Bedeutung des Zunftwesens als korporative, genossenschaftliche Sozialform war verlorengegangen, auch die Zunftgegenstände waren plötzlich funktions- und nutzlos geworden. Zeitgleich, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, waren vielerorts „vaterländische Vereine“ ins Leben gerufen und kulturhistorische Sammlungen gegründet worden. Da die Erforschung der Historie und die Wahrung ihrer Hinterlassenschaften zu deren höchsten Zielen zählten, bemühten sie sich glücklicherweise um die herrenlos gewordenen Zunftgeräte und integrierten sie in ihre Museen. Teilweise gingen sie aber auch in den Besitz der den Zünften nachfolgenden Innungen über oder sie wurden, wenn sie, wie Zunftkreuze, -fahnen, -stangen und ähnliches mehr, kirchlichen Zwecken dienten, bei den Zunft- oder Bruderschaftsaltären der Kirchen belassen. Gerätschaften, die der Zunftmeister in Verwahrung hatte, wie Zunftladen mit ihren Urkunden, Pokale und dergleichen, verblieben bei ihm und seinen Erben, die darin bald ihren persönlichen Besitz sahen. Aus dem Nachlass verstorbener Zunftmitglieder wurden Gegenstände auch veräußert, kamen in den Handel oder wurden auf Auktionen versteigert.

Aus dem Jahresbericht 1889 des Städtischen Museums Carolino Augusteum ist ersichtlich, dass auch die Zunftlade der Müller ein solcher Ankauf war. Leider ließ sich nicht ermitteln, wer der Anbieter gewesen ist. Nach ihrem Erwerb ist sie anscheinend sofort zur Ausstellung gekommen. Die

Truhe ist auf einem historischen Foto aus der Zeit um 1900 zu sehen, das die sogenannte „Zunftstube“ im damaligen Museum zeigt. Sie zählte zu den von Direktor Jost Schiffmann (1822–1883) inszenierten Räumen, in denen er Ambiente der Vergangenheit schuf und die Objekte zu Ensembles vereinte. Diese Arrangements blieben nach seinem Weggang im Jahr 1881 teilweise bis zum Zweiten Weltkrieg bestehen.

Die Zunfttruhe der Müller ist eine aus Nussholz gefertigte große Truhe mit schwarzen, gerippten Leisten und gedrehten, grün und mit goldenen Ranken bemalten Säulchen. Auf der Vorderseite befindet sich in einem gerahmten Feld das von zwei Putti gehaltene, gemalte Wappen des Salzburger Fürsterzbischofs Johann Ernst von Thun. Zu beiden Seiten wird es von je einem ovalen Bildchen, links eine Mühlen-, rechts eine Flusslandschaft, in goldener Blattwerkrahmung eingefasst. Direkt über dem Wappen sitzen zwei Schlösser mit rankenverzierten Beschlägen. Auf der Rückseite findet sich ein ebensolches gerahmtes und gemaltes Feld. In der Mitte halten zwei Greife ein Rad, das Zeichen der Müllerzunft. Ovale Bildchen in Blattwerkrahmung, links wiederum eine Mühlen-, rechts eine Flusslandschaft, flankieren die Darstellung. Die beiden Schmalseiten sind mit je einem Tragegriff mit rankenverzierten Beschlägen ausgestattet. Der Deckel ist mit einer Einlegearbeit versehen, die die Jahreszahl 1706 zeigt. Im Inneren des Deckels befindet sich in einer länglichen Achteckrahmung eine in Tempera gemalte Darstellung. In der Mitte thronen die Madonna und das Kind in einem gerahmten Kranz aus weißen und roten Rosen. Mutter und Kind halten vor sich eine Kartusche mit dem Müllerwappen. Darunter findet sich die Jahreszahl 1706. Zur Rechten von Maria steht der Heilige Nikolaus, links die Heilige Katharina. Zu ihren Seiten schieben zwei Engel Vorhänge zurück. Im Hintergrund tut sich eine Landschaft auf. Auf eigens gerahmten, gewölbten Eckzwickeln stehen vier in Goldschrift gemalte Namen. In ihrem Inneren ist die Truhe in ein großes und an der Seite in zwei kleinere Fächer unterteilt.

Bei der Zunftlade der Müller des Salzburg Museum handelt es sich um ein echtes Prachtexemplar. Es waren die Meister, die sich fast immer künstlerisch gestaltete Hartholztruhen mit eingelegten Zunftemblemen auf dem Deckel und den Wandfeldern leisteten. Die Annahme liegt nahe, dass auch die Lade der Müller von einem Zunftmeister in Auftrag gegeben wurde, da einer der im Deckelinneren Genannten ein Zechmeister war (eine nachgewiesene Bezeichnung für Zunftmeister): „Mathias Oberholzner, Zöchmaister“. Obwohl die Zünfte nicht wohlhabend waren, legten sie Wert auf eine schöne und gediegene Gestaltung ihres Gemeinschaftsbesitzes. Dennoch übertreffen die Zunftladen das übrige Gerät an Aufwändigkeit und künstlerischer Individualität, eine Tatsache, die mit ihrer Funktion zusammenhängt. Die Zunfttruhe war das wichtigste Gerät einer Zunft und stellte den gegenständlichen und rechtsrituellen Mittelpunkt des Zunftbrauchtums dar. Aus diesem Grund wird sie auch oft als „Lade“ bezeichnet, ein Name, der bereits bei der Bibelübersetzung verwendet wird und dort die „Bundeslade“ als die Aufbewahrungstruhe für die steinernen Tafeln mit den Zehn Geboten charakterisiert. Die Zunfttruhe wurde meistens im Haus des Zunftmeisters verwahrt, konnte ihren Standort aber auch in der Herberge oder Zunftstube haben. Wenn sich die Zunftmitglieder versammelten, wurde sie feierlich herbeigetragen, aufgestellt und geöffnet. Sie musste daher trag- und sperrbar sein. Dass die Zunft nur „bei offener lad“ tagen und verhandeln konnte, verdeutlicht den überaus hohen Stellenwert der Zunftlade. Vor ihr wurde der „Jahrtag“ abgehalten, an dem die Zunft sämtliche Entscheidungen fällte. Hier wurden Verstöße gegen das Gewerberecht, kleinere Delikte oder auch sittenpolizeiliche Vergehen, die die Zunftbrüder betrafen, geahndet. Vor der geöffneten Lade kam es zum Freisagen der Lehrbuben, zum Ausstellen des Gesellenbriefes usw. Das Schließen der Truhe bedeutete, dass keine rechtskräftigen Handlungen mehr vorgenommen werden konnten bzw. das Ende der Versammlung. Ihre rechtliche Funktion wird auch deutlich, wenn sie bei der Berufung eines neuen Zunftvorstands zum Einsatz kam, ein Brauch, der als „Ladumtragen“ bezeichnet wurde. In der Lade verwahrte der Zunftmeister die für das Zunftleben maßgeblichen Dokumente wie Zunftordnungen, Urkunden, Statuten, Protokolle, Kassenbücher, Meister- und Gesellenaufnahmebücher, Freibriefe, Korrespondenz, eventuell auch die Kassa. In den kleinen, seitwärts angebrachten Fächern, wie sie auch die Zunfttruhe der Salzburger Müller zeigt, wurden die Zunftsiegel aufbewahrt.

Inhalt und Bedeutung der Zunftlade machten es notwendig, dass sie zwei oder drei unterschiedliche Schlösser besaß. Der Sicherheit und Kontrolle wegen waren die Schlüssel auf die Amtsinhaber verteilt, die die Truhe nur gemeinsam öffnen konnten. Auch die Zunftlade der Müller weist zwei Schlösser auf. Mit großer Wahrscheinlichkeit bildeten die vier im Deckelinneren genannten Zunftmitglieder den Vorstand, der auch die Schlüsselgewalt innehatte: Zechmeister Mathias Oberholzner, Christoph Freyhamer, Philipus Liner und Georgius Perger. Der Moment, als sie die Lade öffneten, muss für die Versammlung der Müllerzunft nicht nur das Zeichen für den Beginn der Tagung gewesen sein, er wird sie auch beim Anblick der im Deckelinneren abgebildeten Muttergottes mit dem Kind und den beiden Heiligen in große Ehrfurcht versetzt haben. Spätestens seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert, als eine Differenzierung des Handwerks in selbstständige Gewerbe erfolgte, erwählten sich die einzelnen Berufsgruppen bestimmte Heilige als Schutzpatrone. Maßgeblich dabei war der Bezug von Leben und Wirken der Heiligen zum entsprechenden Handwerk. Oftmals waren es auch die Attribute, die eine Beziehung zum jeweiligen Gewerbe herstellten. So ist es bei den Müllern unter anderem die Heilige Katharina mit dem Rad und der Heilige Nikolaus von Myra, der drei goldene Kugeln auf einem Buch in den Händen hält. Hier wird sofort klar, dass derartige Bezugnahmen oftmals von weit hergeholt waren. Das Rad der Heiligen Katharina und auch die drei goldenen Kugeln des Heiligen Nikolaus hatten in ihren Überlieferungen einen vollkommen anderen Sinn. Die Müllerzunft sah in dem Rad der Katharina ein Mühlrad, und die drei goldenen Kugeln des Nikolaus stellten schlichtweg drei Brote dar. Darüber hinaus war es die für den Heiligen Nikolaus legendäre Volkstümlichkeit, weswegen er aber auch Patron zahlreicher anderer Zünfte war. Die höchste Patronin war naturgemäß Maria mit dem Kind, deren Schutzfunktion eine ganz eigene Note erhält, indem sie und das Kind das Müllerwappen vor sich halten und berühren.

Dass die Zunftlade der Müller Salzburger Provenienz ist, lässt sich anhand des Wappens auf ihrer Vorderseite festmachen. Es ist das von Fürsterzbischof Johann Ernst von Thun (reg. 1687–1709), in dessen Regierungszeit auch die auf der Truhe zweimal erscheinende Jahreszahl 1706 fällt. Der Grund, warum das Wappen an dieser Stelle installiert wurde, mag mit der von ihm eingeführten Neuerung im Organisationsrecht der Salzburger Zünfte zusammenhängen. Durch Johann Ernst von Thun erhielt das gesamte Erzstift eine zentralistisch strukturierte Ladenverfassung. Das hieß, dass das Zunftwesen dem Hoheitsrecht des Salzburger Landesfürsten unmittelbar unterstellt wurde. Niemand konnte ohne dessen Wissen einem Handwerk einverleibt und zum Meister aufgenommen werden. So scheint das Wappen auf der Zunftlade der Müller wie eine Legitimation, die der Zechmeister Mathias Oberholzner auf der Vorderseite des rechtlich wichtigsten Gegenstandes der Zunft anbringen ließ.