Der Helm vom Pass Lueg

  • Entstehungszeitraum: Spätbronze-/Urnenfelderzeit 1300–1000 v. Chr.
  • Entstehungsort: Mitteleuropa
  • Objektart: Verteidigungswaffe
  • Autor/Künstler: unbekannt
  • Artikel-Autor: Fritz Moosleitner
  • Material/Technik: Bronze, geschmiedet
  • Größe: Höhe Haube: 15 cm; Höhe Haube mit Kamm: 27,5 cm; Mündungslänge: 21,3 cm; Mündungsbreite: 18,3 cm; Innerer Umfang: 62,3 cm; Wangenklappen: Höhe 14,8 bzw. 15,5 cm; Breite: 9,3 bzw. 9,7 cm
  • Standort/Signatur: Salzburg Museum, Inv.-Nr. ARCH 122
  • Physisch benutzbar: nein
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Im Jahr 1838 entdeckte ein Maurer bei Sicherungsarbeiten im Steilgelände oberhalb des Pass Lueg über der heutigen Passstraße mehrere Gegenstände aus Bronze. Eines der Fundstücke war ein bronzezeitlicher Helm. Jahrzehnte später wurde der Helm zum Vorbild für ein Denkmal und ein Firmenlogo.

Wäre man vor die Aufgabe gestellt, die bedeutendsten prähistorischen Fundgegenstände aus Österreich zu nennen, so würde man zuerst an die „Venus von Willendorf“ (zu sehen im Naturhistorischen Museum in Wien) denken, dann an die „Schnabelkanne vom Dürrnberg“ (zu sehen im Keltenmuseum Hallein als Leihgabe des Salzburg Museum) und schließlich an den „Kultwagen von Strettweg“ (zu sehen im Archäologiemuseum Schloss Eggenberg in Graz). Spätestens danach aber müsste man den „Helm von Pass Lueg“ anführen.

„Jedes Museum der Welt muss das Salzburg Museum um diesen Helm beneiden“, schrieb Moritz Hoernes, der Jüngere (1852–1917) vor hundert Jahren. Hoernes war Begründer der Urgeschichtsforschung in Österreich und erster Professor am Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Wien.

Über die Umstände der Auffindung des Helmes liegen nur spärliche Nachrichten vor. Im Jahre 1838 stieß ein Maurer aus Hallein bei Sicherungsarbeiten im Felsgelände rund 50 Meter über der heutigen Passstraße auf den Bronzehelm, der nur „von einer dünnen Decke aus Moos“ überlagert war.

Die Fundstelle liegt im Steilgelände südlich der Passhöhe, nahe dem oberen Wehrturm der Sperrfestung aus der Zeit der Napoleonischen Kriege. Weiters wird berichtet, dass der Helm „in der Linie einer alten Straßenanlage“ zum Vorschein kam. Da die Straße seit der Römerzeit im Talgrund verlief – wie Geleisespuren belegen –, dürfte es sich um eine ältere prähistorische Wegverbindung gehandelt haben.

Auf einem Felsband hoch über dem Fluss hat man den schluchtartigen Einschnitt der Salzach – die so genannten Salzachöfen – umgangen. Der Finder verkaufte den Bronzehelm um zwei Gulden an den Silberschmied Jakob Reitsamer in Hallein, der ihn wenig später dem Salzburg Museum zum Geschenk machte.

Im Juni 1839 wurde der Sensationsfund erstmals in der historischen Klasse der Bayerischen Akademie der Wissenschaften besprochen.

Schon vor der Auffindung des Helmes hatte man an derselben Stelle zahlreiche Bronzewerkzeuge aufgefunden, die jedoch zum Großteil verloren gegangen sind. Nur einige wenige Stücke gelangten in die k.k. Hofsammlungen in Wien (heute Naturhistorisches Museum), andere in das Salzburg Museum. Bei ihnen handelt es sich um drei gebrochene bzw. stark abgearbeitete Bronzepickel, wie sie im prähistorischen Kupferbergbau Verwendung fanden. Weiters um zwei Bruchstücke von Gusskuchen, drei Bronzestangen und um ein Fragment eines Beiles mit mittelständigen Schäftungslappen. Das Beilfragment liefert einen Hinweis für die Datierung des Fundes, denn bei ihm handelt es sich um eine Leitform der Späten Bronzezeit, die in das 13. Jh. v. Chr. zu datieren ist.

Der Depotfund vom Pass Lueg ist als Besitz und Reisegepäck eines wandernden Bronzeschmiedes zu deuten. Die gebrochenen, zum Wiedereinschmelzen bestimmten Gerätschaften und die Gusskuchen dienten ihm als Materialvorrat, der Helm hingegen wohl als Muster für Bestellungen. Eine drohende Gefahr muss den Bronzeschmied dazu bewogen haben, sein wertvolles Gut an dieser exponierten Stelle zu verbergen. Er ist nie mehr dazu gekommen, seinen Besitz abzuholen.

Vom Handwerklichen her zählt der Bronzehelm wohl nicht zu den Spitzenleistungen bronzezeitlicher Schmiedetechnik. Dazu sind der Zuschnitt der Bleche und die Verbindungen der Helmteile zu wenig sorgfältig ausgeführt.

Und dennoch stellt der Helm ein einzigartiges Zeugnis bronzezeitlichen Waffenhandwerks dar. Die aus dünnem Bronzeblech getriebene Helmkappe ist aus zwei Teilen zusammengefügt, die beiden Hälften hat man seitlich überlappt und zusammengebörtelt. Der Kamm ist ebenfalls zweiteilig, Acht schmale Klammern dienen als Verbindung. In den schmalen Schlitz zwischen beiden Hälften des Kammes konnten bunte Federn oder anderer Zierrat eingesteckt werden.

Die Wangenklappen waren mittels lederner Schlaufen an der Helmkappe befestigt, erkennbar an den dafür vorgesehenen Ösen. Je nach Kopfform ließ sich die Stellung der Wangenklappen verändern. Sowohl Helmkappe als auch Wangenklappen waren mit einem dicken Lederfutter versehen, das durch Klammern mit den Metallteilen verbunden war.

Noch vor dem Zusammenfügen der einzelnen Teile hat man die Verzierung mit Hilfe von Punzen eingeschlagen. Die Motive beschränken sich auf Punktreihen und gepunktete Ringe um einen Kreisbuckel.

Diese Verzierung liefert einen Hinweis auf die Entstehungszeit des Fundstücks. Nach dem deutschen Prähistoriker Hermann Müller-Karpe (1925–2013) sei der Helm „aller Wahrscheinlichkeit nach ins 13. oder 12. Jh. v. Chr. zu datieren.“ Dieser Zeitansatz wird durch das vorerwähnte Beilfragment erhärtet, das zusammen mit dem Helm aufgefunden wurde. Der Helm zählte somit zu den ältesten nördlich der Alpen. Etwa zeitgleich mit dem Salzburger Stück traten in Mitteleuropa auch andere Schutzwaffen aus Bronzeblech – Brustpanzer, Schilde und Beinschienen – in Erscheinung. Alle diese Waffen haben in Griechenland ihren Ursprung. Die ältesten Beispiele reichen dort bis in das 15. Jh. v. Chr. zurück.

Im Donauraum wurden die aus dem Süden kommenden Anregungen schon sehr früh aufgegriffen. Spätestens im 13. Jahrhundert tauchten in Ungarn und Rumänien Schutzwaffen aus Bronzeblech auf. Wenig später in weiteren Teilen Mitteleuropas. Die Verbreitung erfolgte über den Landweg, jedoch nicht über Italien, denn alle italischen Helme und Beinschienen sind jünger als die frühesten Beispiele in Mitteleuropa.

Die ältere Forschung hat den Helm vom Pass Lueg auf Grund von Vergleichen mit italischen Funden fälschlicherweise etwas jünger datiert, und zwar in das 10. oder 9. Jh. v. Chr. und damit in die ausgehende Bronzezeit. Zum Zeitpunkt der Auffindung wurde der Helm mit den Kelten in Verbindung gebracht, die in der Jüngeren Eisenzeit – in den letzten fünf Jahrhunderten vor Christus – in unserem Raum siedelten. Diese falsche Zuordnung ist dafür verantwortlich, dass man ein Standbild des keltischen Nationalhelden Vercingetorix (um 80–46 v. Chr.) mit einem nach dem Vorbild des Fundstückes vom Pass Lueg nachgebildeten Helm ausstattete.

Vercingetorix, Gegenspieler Caesars im Gallischen Krieg, organisierte im Jahre 52 v. Chr. eine nationale Erhebung gegen die römischen Besetzer, die anfangs erfolgreich verlief, dann jedoch von Caesar zerschlagen wurde.

An der Stelle dieser historischen Auseinandersetzung in Alesia – heute Alise-Saint-Reine (Burgund) – ließ Kaiser Napoleon III. im Jahre 1865 eine sechs Meter hohe Bronzestatue des Vercingetorix errichten, dessen Gesichtszüge unschwer das Porträt des „Kaiser aller Franzosen“ erkennen lassen, der sich selbst in diesem Monument als Nationalheld feiern ließ.

Die Statue trägt den Helm nicht auf dem Kopf, sondern er ist seitlich neben den Füßen abgelegt. Und er zeigt eindeutig – wie oben bereits angedeutet – die Form des Helmes vom Pass Lueg. Der Künstler hat ihm lediglich zwei seitliche Flügel angefügt.

Damit ist jedoch die Geschichte unseres Helmes noch nicht zu Ende: Als man vor etwas mehr als einem Jahrhundert in Frankreich daran ging, eine neue Zigarettenmarke zu kreieren, die nach den Kelten benannt wurde (Gauloises, die französische Bezeichnung für Gallier=Kelten), wählte man den Helm des Vercingetorix von Alesia als Markenzeichen. Das Bild des geflügelten Helmes ziert beide Seiten jeder Packung. Die ursprüngliche Vorlage, der Helm vom Pass Lueg, ist deutlich zu erkennen. Nicht nur die Form der Helmkappe und des dreilappigen, hoch ansitzenden Kammes, sondern auch jene der Wangenklappen stimmen mit dem Original überein. Auf diese Weise gelangte ein Bodenfund aus Salzburg auf Millionen von französischen Zigarettenpackungen. Auch wenn die meisten Gauloises-Packungen inzwischen in Polen produziert werden, so bleibt die Frage: Ist das eine kostenlose Werbung für das Salzburg Museum? Leider nicht, da kaum jemand um diese Zusammenhänge weiß.

Im Mai 2001 wurde am Piller in der Tiroler Ortschaft Fließ (Bezirk Landeck) als Teil eines Depotfundes das Fragment eines ähnlichen Helms entdeckt. Ein weiteres Fragment liegt aus Gastein im Salzburger Pongau vor.