Eine frĂŒhmittelalterliche, vergoldete Scheibenfibel

  • Entstehungszeitraum: 800-900 n. Chr.
  • Entstehungsort: Mitteleuropa
  • Objektart: Schmuck/Trachtbestandteil
  • Autor/KĂŒnstler: unbekannt
  • Artikel-Autor: Raimund Kastler/Barbara Tober
  • Material/Technik: Buntmetall, vergoldet
  • GrĂ¶ĂŸe: 2,86 cm (Durchmesser)
  • Standort/Signatur: Salzburg Museum, Inv.-Nr. ARCH 1999-2004
  • Physisch benutzbar: nein
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Im FrĂŒhmittelalter (450-1024 n. Chr) beginnt die Formung dessen, was bis 1816 das FĂŒrsterzbistum Salzburg sein sollte. 2003-2004 wurde ein GrĂ€berbereich im Hof des Kardinal -Schwarzenberg-Hauses ausgegraben, der vermutlich zum Umfeld der im Zentrum der Genese stehenden kirchlichen Einrichtungen, Domkirche und Kloster St. Peter, gehörte. Bemerkenswert hinsichtlich der Ausstattung ist darin die aus der Endphase der Epoche stammende Bestattung eines jungen MĂ€dchens, die als Trachtbestandteil eine scheibenförmige Gewandspange aus vergoldetem Buntmetall aufweist.

Der Umbau des sogenannten Kardinal Schwarzenberg-Hauses Kapitelplatz 4-6 in der historischen Altstadt von Salzburg fĂŒr Diözesanarchiv, Dommusik und Wohnungen machte eine Notgrabung auf einer FlĂ€che von ca. 800 qm notwendig, die von der LandesarchĂ€ologie im Zeitraum 11. Mai 2003 und 29. April 2004 (Projekt „Domgarage“) durchgefĂŒhrt wurde. Den Großteil der Finanzierung ĂŒbernahmen der BautrĂ€ger Heimat Österreich und die Erzdiözese Salzburg, zu deren Wurzeln die Ergebnisse der Untersuchungen fĂŒhren.

Unter massiven jĂŒngeren AufschĂŒttungen von teilweise bis zu 4 Meter MĂ€chtigkeit fanden sich 153 Skelette eines bereits 1958 von damaligen Salzburger LandesarchĂ€ologen Martin Hell (1885–1975) beim Umbau des Diözesanhauses (heute: Dombuchhandlung) angeschnittenen frĂŒhmittelalterlichen Friedhofes. Die Toten sind relativ einheitlich in West-Ost-Richtung in gestreckter RĂŒckenlage beigesetzt, weshalb diese fĂŒr das frĂŒhe Mittelalter charakteristische Art der Bestattung auch als ReihengrĂ€ber bezeichnet wird.

Die Grabgruben waren mit Konglomerat-, Kalk- und Schottersteinen unterschiedlich sorgfĂ€ltig ausgelegt. Die Lage der Knochen ließ in zahlreichen FĂ€llen eine sehr enge SchnĂŒrung der Körper in LeichentĂŒcher erkennen. Holzreste deuten auf die Verwendung von Leichenbrettern oder HolzsĂ€rgen ohne Metallverbindungen hin. Der Kopf liegt manchmal auf einem sogenannten Kissenstein. Überschneidungen und Mehrfachbestattungen zeugen von einer dichten Belegung des Friedhofareals und einer Abfolge der Bestattungen ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum.

Eine absichtliche Anordnung der Bestattungen in abgegrenzten Gruppen zeichnet sich durch eine einerseits sehr enge Belegung der FlĂ€che und andererseits durch bis zu etwa 1,5 Meter weite AbstĂ€nde zwischen den Grabgruben und der Anordnung in leicht versetzten „Reihen“ ab. Der Friedhof war im SĂŒden durch eine Mauer begrenzt, in deren Fundament ein römischer Marmormörser und ein qualitĂ€tvolles römisches figĂŒrliches Marmorrelieffragment Verwendung fanden. Die GrĂ€ber lagen am Abhang des Festungsberges und spiegeln gut den Höhenunterschied der bereits aufgegebenen römischen Siedlungsterrassen wider, mit denen das Wohngebiet der römischen Stadt sich auch zum Festungsberg ausdehnte. Von Osten nach Westen und von SĂŒden nach Norden besteht daher ein GelĂ€ndesprung von etwa 2,20 Meter. Die römischen Baureste ĂŒberlagerte stellenweise eine etwa 1 Meter starke Sandschicht, in welche die Grabgruben eingetieft waren. Ein genau ĂŒber einer ehemaligen römischen Nebenstraße liegender Streifen blieb von GrĂ€bern ausgespart, was auf die Existenz eines Weges hindeutet, der den Friedhof in Ost-West-Richtung parallel zum Hang querte.

Bis auf zwei GrĂ€ber waren sĂ€mtliche Bestattungen zum Zeitpunkt der Ausgrabung beigabenlos. Die im Laufe der Jahrhunderte vergangene Kleidung von Skelett 84 war mit einer Beinnadel im Bereich der rechten Schulter befestigt. Die einfache Nadel mit schlitzförmiger Öse ist chronologisch wenig aussagekrĂ€ftig. Ein fragmentierter Silberohrring (Typus Körbchenohrring) des 7./8. Jahrhunderts am Ohr einer Frauenbestattung aus dem von Martin Hell ergrabenen Bereich gab hier erste Hinweise auf den zeitlichen Rahmen des Friedhofes. Weitere wichtige Hinweise werden jedoch einen Befund der neueren Grabung verdankt.

Nur etwa 1 Meter nördlich der Begrenzungsmauer, also weit oben am Abhang des Festungsberges jenseits des Weges, befand sich eine in Sand und humoses Erdmaterial eingetiefte Grabgrube, die keine Befestigung durch Steine erhielt. In der Grube lag ausgestreckt Skelett 17, dessen rechte KörperhĂ€lfte in leichter Seitenlage nach Norden aufgekippt war. Auch der SchĂ€del blickte hangabwĂ€rts. Ein in Nord-SĂŒd-Richtung den Hang schneidender, wohl neuzeitlicher Graben zerstörte den Unterteil der Grabgrube und das Skelett unterhalb der Lendenwirbel. Vermutlich durch die Störung war der erhaltene Teil des rechten Oberarmes in den Brustbereich verschoben. Die enge Lage der erhaltenen Skelettteile lĂ€sst auch fĂŒr diese Bestattung die Beisetzung in einem Leichentuch vermuten.

Die Grabgrube von Skelett 17 schneidet die SĂŒdwestecke des Grabschachtes einer Ă€lteren Bestattung (Skelett 19), deren massive Störung der WirbelsĂ€ule und Rippen auf eine gezielte Beraubung im Brustbereich schließen lĂ€sst, die im gesamten GrĂ€berfeld bei mehreren Skeletten feststellbar war.

Trotz der massiven Zerstörungen von Skelett 17 wurde gerade diese Bestattung zur archÀologischen Sensation. Der Grund ist die Auffindung einer vergoldeten Bronzefibel im linken oberen Brustbereich knapp unterhalb des Kinns. An der Stelle des rechten Ohres befand sich am SchÀdel noch ein einfacher Bronzeohrring. Wegen der geschlechtsspezifischen Beigaben und der Zartheit des Knochenbaues wird dieses Skelett als junges MÀdchen angesprochen.

Die Frauentracht mit einer Scheibenfibel, die mittig im oberen Brustbereich die Kleidung verschloss, gibt einen ersten wichtigen chronologischen Hinweis. Sie entspricht der in der jĂŒngeren Merowingerzeit seit dem spĂ€teren 6. Jahrhundert aus dem Mittelmeerraum und damit aus dem romanischen Kulturkreis ĂŒbernommenen Trachtform der Frauen. Sie ersetzt die bis dahin ĂŒbliche germanische sogenannte Vierfibeltracht. An deren Stelle tritt nun in der Frauentracht ein ĂŒber den Kleidern getragener Mantel, der auf der Brust mit einer Scheibenfibel zusammengehalten wird.

Weitere Anhaltspunkte zur Zeitstellung des Grabes ergibt die Machart und Dekoration der Fibel. Die Scheibenfibel besteht aus vergoldetem Bronzeblech. Die RĂ€nder der Scheibe mit einem Durchmesser von 2,86 cm sind leicht ausgebrochen. Auf der RĂŒckseite befinden sich Reste der angelöteten Tragekonstruktion aus Eisen. Bogenförmige Gravuren unter der Vergoldung beweisen die Fertigung des SchmuckstĂŒckes aus einem wiederverwendeten Blech. Die in die vergoldete OberflĂ€che gravierte Verzierung zeigt eine von einer Kreisrille eingefasste Kombination von Kreuz- und Vierpassmotiv. Die FreiflĂ€chen sind mit eingepunzten Kreisrillen verziert. Die Fibel weicht in Machart und Dekor deutlich von den mit Edelsteineinlagen verzierten Scheibenfibeln germanischen Typs der jĂŒngeren Merowingerzeit ab. Der Gravurdekor Ă€hnelt zwar westfrĂ€nkischen Vierpassfibeln, die typologisch jedoch von der Fibel aus der Domgarage abweichen und noch in das 6. Jahrhundert datieren. Trotz Ă€hnlicher Form ist die Salzburger Fibel auch deutlich von den Scheibenfibeln mit Pressblechauflage zu trennen, wie sie u.a. neben den frĂ€nkischen Kerngebieten besonders auch aus der Schweiz und Italien bekannt sind.

Unterschiede bestehen auch zu den emailverzierten Exemplaren des sogenannten karantanisch-Köttlacher Kulturkreises. Die erste Stufe des karantanisch-Köttlacher Fundhorizontes (Köttlach I) kann als Ausdruck einer im Ostalpenraum beheimateten karantanischen Mischkultur des 7. Und 8. Jahrhunderts aus merowingischen und spĂ€tawarischen Elementen verstanden werden. Die jĂŒngere durch gegossene Massenware gekennzeichnete und vom frĂŒhen 9. bis in das 10. Jahrhundert laufende Phase II ist durch Einzelfunde in Salzburg hĂ€ufiger belegt und gehört zu der weite Teile Europas erfassenden karolingischen Reichskultur. In dieser jĂŒngeren Phase sind jedoch neben den Emailscheibenfibeln auch solche aus dĂŒnnem Bronzeblech mit ziselierter Verzierung verbreitet.

Der in sich verschlungene Dekor der Fibel erinnert an zwei im 8. Jahrhundert entstandene herausragende Sakralobjekte, die mit der insularen (irischen) Kunst verbundenen sind: den Tassilokelch und das Rupertuskreuz. Eine lokale Widerspiegelung insularer (irischer) Motive in der Gravur der Scheibenfibel aus Salzburg erscheint möglich. Besonders eng ist die Verwandtschaft der Scheibenfibel aus der Domgarage in AusfĂŒhrung und Motiv mit einer Schmuckscheibe aus Bronzeblech, die zwischen 1949 und 1950 in St. Egidi in der Gemeinde Murau (Steiermark) im Zusammenhang mit frĂŒhmittelalterlichen GrĂ€bern gefunden wurde und heute im SteiermĂ€rkischen Landesmuseum Joanneum aufbewahrt wird. Aus dem gleichen Kontext stammt ein einfacher, leicht kantig zusammengebogener Bronzedraht-Ohrring, der weitgehende Übereinstimmung mit dem zur Scheibenfibel gehörenden Ohrring der Bestattung aus der Salzburger Domgarage hat.

Bedauerlicherweise ist unbekannt, zu welchem der vier festgestellten GrĂŒber in Murau die Schmuckscheibe die Schmuckscheibe gehört. Das stark fragmentierte StĂŒck lĂ€sst eine verschlungene Kreuzornamentik mit Kreispunzen in den FreiflĂ€chen erkennen und zĂ€hlt zu einer Gruppe von dĂŒnnen Blechfibeln mit ziseliertem Kreuzdekor, unter denen auch an die insulare Kunst angelehnte verschlungene Motive auftauchen. Sie sind in der Phase Köttlach II verbreitet.

Die Salzburger Fibel ist dem Zeitraum zwischen 800 und 900 n. Chr. – also dem 10. Jahrhundert – zuzuweisen. Sie ist daher jĂŒnger als der von Martin Hell 1958 gefundene Frauenschmuck und könnte damit das chronologisch obere Ende dieses GrĂ€berfeldes markieren. Dem entspricht auch, dass die Grabgrube des MĂ€dchengrabes mit der Scheibenfibel Ă€ltere Grabkontexte schneidet.

Die erfolgten Untersuchungen sind ein weiterer Baustein fĂŒr die bislang rare archĂ€ologische Kenntnis der Siedlungsgeschichte der frĂŒhmittelalterlichen Stadt. Die Quellen erwĂ€hnen eine kleine befestigte Siedlung, das sogenannte „castrum superioris“, das zum Zeitpunkt der Ankunft Ruperts (696) wohl auf dem Festungsberg existierte. Erst mit der Einweihung des Virgildomes (774) decken sich archĂ€ologisch gesicherte Ergebnisse im Bereich der Domgrabungen mit historisch ĂŒberlieferten Daten fĂŒr eine Besiedlung im Tal.

Der aufgedeckte frĂŒhmittelalterliche Friedhof befand sich am Fuße des Festungsberges an einem vermutlich ins Tal fĂŒhrenden Weg nicht unweit des Domes. Zur genauen Beantwortung der Frage, wer die Zeitgenossen von Rupert und Virgil waren, wurden Anthropologen und Gerichtsmediziner hinzugezogen.

Eine endgĂŒltige Bearbeitung des GrĂ€berfeldes erfolgt derzeit durch Frau Mag. Isabella Greussing (UniversitĂ€t Wien, Institut fĂŒr Ur- und FrĂŒhgeschichte) im Rahmen einer Dissertation zu den frĂŒhmittelalterlichen GrĂ€berfeldern Salzburgs.