Jahr ohne Sommer 1816: Eine Hungermedaille

  • Entstehungszeitraum: 1816/17
  • Entstehungsort: Bayern
  • Objektart: Gedenkmedaille
  • Autor/Künstler: Johann Thomas Stettner (1785-1872)
  • Artikel-Autor: Christian Flandera
  • Material/Technik: Silber
  • Größe: Durchmesser: 33mm; Gewicht: 13,46g
  • Standort/Signatur: Salzburg Museum, Inv.-Nr. M 241
  • Physisch benutzbar: nein
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Der königlich-bayrische Münzgraveur Johann Thomas Stettner aus Nürnberg entwarf eine Erinnerungsmedaille (auch „Hungertaler“) an die Notjahre 1816/17. Hintergrund dieser Notjahre war eine besonders dramatische Missernte im „Jahr ohne Sommer“ 1816.

Zwischen 10. und 15. April 1815 brach der Vulkan Tambora in Indonesien aus. Der Ausbruch gilt als einer der größten Vulkanausbrüche seit mehreren tausend Jahren. Durch die Explosion verlor der Berg nicht rund 1.200 Meter an Höhe, sondern alles Leben in der Umgebung des Vulkans wurde vernichtet. Der Ausbruch schleuderte tausende Tonnen von Schwefeldioxid (SO2) in die Atmosphäre. Dort bildeten sich Aerosole. In den nächsten Monaten wurden die Aerosolteilchen rund um den Erdball verteilt. Sie erzeugten einen Schleier, der die Sonneneinstrahlung verringerte. Für rund zwei Jahre blieb dieser Schleier in der Atmosphäre erhalten und führte zu einer Abkühlung der Erdoberfläche.

Auch das Land Salzburg war von den Auswirkungen des Vulkanausbruchs betroffen. Doch schon einigen zuvor Jahren (1812/14) war in Salzburg ein Gletscherwachstum zu beobachten. In dieser schon grundsätzlich kühlen Klimaperiode reduzierte der Vulkanausbruch des Tambora die Temperaturen nochmals. Das „Jahr ohne Sommer“ 1816 war die Folge: Nordamerika und viele Teile Europas waren davon betroffen.

Während es in manchen Regionen zu kalt war, war es in anderen wiederum zu trocken. Die Ernten waren schon in den Jahren davor – entweder aufgrund der Napoleonischen Kriege oder aufgrund der kühleren Klimaperiode – schlecht ausgefallen. Die daraus resultierende Lebensmittelknappheit, aber auch Lebensmittelspekulationen ließen die Getreidepreise in vielen Teilen Europas dramatisch ansteigen – so auch im Land Salzburg. In der Stadt Salzburg stiegen die Getreidepreise von 1815 bis 1817 um das Dreifache an. Aber auch die Preise für Butter und andere Lebensmittel stiegen um rund 50 Prozent!

Auf der Vorderseite (Avers) der Medaille findet sich die Umschrift: „Verzaget nicht – Gott lebet noch“. In der Mitte wird in Form einer Gleichung dargestellt: „1 Maß Bier: 8 ½ KR(euzer)“. Darüber ist eine Waage zusehen, die aus den Wolken hängt. Auf der linken Waagschale liegt ein Gewicht, darunter steht „1 lb(Pfund) 3 L(oth)“ (=612,5 Gramm). Auf der rechten Waagschale liegt ein Laib Brot und darunter steht „12 KR(euzer)“. Auf der Standlinie liegen eine Korngarbe und ein Anker als Symbol der Hoffnung. Darunter stehen die Jahreszahlen „1816 u. 1817“ sowie „L“.

Auf der Rückseite (Revers) der Medaille sieht man eine Frau auf einem Stein sitzen. Sie hält ein Kind im Arm. Vor ihr steht ein weiteres Kind und hält die Hand bittend zur Mutter. Die Umschrift auf der Medaille lautet: „O gieb mir Brod mich hungert“. Links am Fuß des Steins die Signatur: „Stettner“. Unter der Darstellung steht: „IETTON“ (=Jeton).

Diese Medaille traf sicher den Nerv der Zeit – nicht nur in Bayern –, sondern auch in Salzburg. Denn das gehandelte Getreidevolumen auf der Salzburger Schranne war so niedrig wie nie. Die Getreidepreise waren immer einem Auf und ab unterworfen. Diese Preisschwankungen hingen von den Ernteerträgen, aber auch von der politischen Situation – also ob Krieg oder Frieden herrscht – ab. Getreidetransporte über größere Distanzen waren zwar auch schon damals üblich, doch diese erhöhten – wenn kein Wasserweg zur Verfügung stand – ebenfalls die Preise dramatisch.

Während am Handelsplatz Stadt Salzburg im Zeitraum 1798 bis 1803 im jährlichen Durchschnitt 17.660 Scheffel Getreide umgesetzt wurden, stieg dieser Wert im Jahresschnitt 1804-1810 auf 19.580 Scheffel an. In den friedlichen Jahren 1811 bis 1814 stieg der Jahresumsatz dann auf 23.484 Scheffel an, ehe er 1815 auf 17.433 und 1816 auf nur mehr 16.326 Scheffel einbrach. Der Wert lag damit unter dem Durchschnitt der Jahre 1798 bis 1803! Ob die Ursache für diesen niedrigen Umschlag die hohen Preise oder das mangelnde Angebot waren lässt sich heute nur schwer sagen. Denn auch wenn die Getreidepreise erst Ende Juli 1817 ihren Höhepunkt erreichten und dann dramatisch einbrachen, stieg der Umsatz in diesem Jahr bereits wieder auf 22.042 Scheffel an. Mit einem Wert von 824.570 Gulden, war das Jahr 1817 auch das Jahr mit dem höchsten Umsatz am Salzburger Getreidemarkt in jener Zeit.

In dieser Situation hungerten viele Menschen oder ersetzten das teure Getreide in den Speisen durch die billigeren, wenn auch ungeliebte, Kartoffeln. Manche streckten das Mehl gar mit gemahlener Baumrinde!