LZ 127 – Ein Luftschiff ĂŒber Salzburg

  • Entstehungszeitraum: 1929
  • Entstehungsort: Salzburg
  • Objektart: Fotos
  • Artikel-Autor: Werner Friepesz
  • Standort/Signatur: Salzburg Museum
  • Physisch benutzbar: ja
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Auch wenn es nicht die Jungfernfahrt des Luftschiffs „Graf Zeppelin“ war, welche zehn Tage zuvor am 18. September ĂŒber dem Bodensee stattgefunden hatte, so konnte man von einer frĂŒhen Probefahrt sprechen, welche das Starrluftschiff mit der Kennung LZ 127 unternahm, als es am 28. September 1928 im Luftraum ĂŒber der Stadt Salzburg erwartet wurde.

Einem neuen Luxusdampfer vor dessen Einfahrt in den Hafen gleich, warteten tausende von Salzburgern auf dieses Ereignis. Manch Schaulustige auf der Spitze des Gaisberg meinten den Zeppelin bereits erblickt zu haben, kaum dass dieser den Luftraum der Bayerischen Landeshauptstadt MĂŒnchen verlassen hatte. Bei herbstlichen Wetterbedingungen die den Blick gerade Mal bis zum Chiemsee erlaubten, ein Ding der Unmöglichkeit. Das Salzburger Volksblatt schrieb am Folgetag: „Alles wartete gespannt auf den Kanonenschuss von der Festung Hohensalzburg, der die Ankunft des Luftriesen signalisieren sollte. Endlich, um 9 Uhr 47 Minuten, fielen zwei SignalschĂŒsse. Gleichzeitig war der Zeppelin ĂŒber den nördlichen Teisenberg-AuslĂ€ufer sichtbar geworden. Er stand zu diesem Zeitpunkt quer gegen Salzburg, um dann entschieden Richtung auf die Grenze zu nehmen.“[1]

Aber nicht nur Schaulustige verfolgten das Spektakel. Postkartenverlage schickten ihre Fotografen zu den besten Aussichtspunkten oder setzten sie auf den RĂŒcksitz eines Flugzeugs, nur um die schönsten Aufnahmen vom Überflug zu bekommen. Mit Bildpostkarten oder Sammelbildern von ZeppelinflĂŒgen ließ sich damals Geld verdienen.

Die Aufregung der Salzburger war verstĂ€ndlich, denn auch wenn andere Luftschiffe schon seit Jahrzehnten den Himmel ĂŒberquerten, so war dieses Schiff in jeglicher Hinsicht beeindruckender, egal ob in Aussehen oder GrĂ¶ĂŸe. Es waren die Folgen des Großen Krieges, die die Welt so lange auf diesen Riesen der LĂŒfte haben warten lassen.

Die Niederlage der MittelmĂ€chte im Ersten Weltkrieg fĂŒhrte dazu, dass die Entwicklung von Luftschiffen in Deutschland fĂŒr fast ein Jahrzehnt nicht vorangetrieben werden konnte. Dabei waren die Techniker und Ingenieure rund um Ferdinand Graf von Zeppelin (1838-1917), dem BegrĂŒnder des Starrluftschiffbaus, ĂŒber viele Jahre weltweit fĂŒhrend. Schon frĂŒh bĂŒrgerte sich lĂ€nderĂŒbergreifend fĂŒr jegliche Art von zigarren- bzw. zylinderförmigem Luftschiff die Bezeichnung Zeppelin ein, auch wenn diese streng genommen nur fĂŒr die von der Zeppelin-GmbH. gebauten Typ des Luftschiffs galt. Selbst der adelige Erfinder, der sein erstes Modell LZ 1 (LZ fĂŒr Luftschiff Zeppelin) im Sommer 1900 einige Male ĂŒber dem Bodensee aufsteigen ließ, nannte seine Luftschiffe Zeppeline. Dieser Bekanntheitsgrad und der sich mit den Jahren einstellende Erfolg waren hart erarbeitet und nicht wenige zweifelten zunĂ€chst an den Visionen des Grafen. Nach einer Serie von UnfĂ€llen mit seinen frĂŒhen Modellen wurde er im Volksmund oft als „der Narr vom Bodensee“ bezeichnet und selbst Kaiser Wilhelm II. nannte ihn noch 1899 den „DĂŒmmsten aller SĂŒddeutschen“[2]. Die sich einstellenden Erfolge ab 1900 Ă€nderten die EinschĂ€tzung von Volk und Kaiser rasch und bereits 1901 verlieh Wilhelm dem Grafen einen Orden wegen seiner Verdienste um die Luftschifffahrt.

Trotz steigender PopularitĂ€t bleib die Finanzierung der Luftschiffe zunĂ€chst das grĂ¶ĂŸte Hindernis, das es zu ĂŒberwinden galt. Bereits beim zweiten Luftschiff konnte der Bau nur durch Spendengelder sowie eine von Zeppelin im Jahre 1906 veranstaltete Lotterie bewerkstelligt werden. Gleiches galt zunĂ€chst fĂŒr die nachfolgenden Schiffe LZ 3 und LZ 4, wobei letzteres eine unverhoffte Wendung bei den finanziellen Problemen herbeifĂŒhren sollte. Nachdem mit steigender ZuverlĂ€ssigkeit und Alltagstauglichkeit der Zeppeline das Interesse innerhalb des deutschen MilitĂ€rs geweckt war, erwarb die Heeresleitung zunĂ€chst LZ 3 und kĂŒndigte auch den Kauf von LZ 4 an, sollte dieser fĂŒr eine 24-Stunden-Fahrt geeignet sein.

Bei dieser Fahrt am 5. August 1908 kam es aufgrund eines Motorschadens und eines Gewittersturms zunĂ€chst zu einer Notlandung und spĂ€ter durch GasentzĂŒndung zu einem Totalverlust des Schiffes. Dieser RĂŒckschlag, der eigentlich das wirtschaftliche Aus fĂŒr den Luftschiffbau bedeuten hĂ€tte mĂŒssen, fĂŒhrte zunĂ€chst unter den tausenden Zuschauern des UnglĂŒcks und spĂ€ter im ganzen Deutschen Reich zu einer einmaligen Spendenaktion, bei der mit der gesammelten Summe von 6 Millionen Mark (ca. 35 Millionen Euro) der Grundstein fĂŒr die Luftschiffbau Zeppelin GmbH sowie der noch heute existierenden Zeppelin-Stiftung gelegt werden sollte. Somit konnten in den folgenden Jahren bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 21 weitere Luftschiffe mit der Kennung LZ 5 bis LZ 25 fertiggestellt werden, von denen einige bereits fĂŒr den kommerziellen Transport von FahrgĂ€sten verwendet wurden. Die deutsche MilitĂ€rfĂŒhrung erwartete lange Zeit einen hohen strategischen Nutzen von den Luftschiffen, weshalb sie zu Kriegsbeginn die Weiterentwicklung der Technik forcierte, was zum Bau von 88 Kampfluftschiffen innerhalb der ersten drei Kriegsjahre fĂŒhrte. Mit der Niederlage des Deutschen Reichs endete auch die Luftschifffahrt, denn der Vertrag von Versailles forderte im Rahmen der Reparationsleitungen explizit die Auslieferung aller verbliebenen Luftschiffe, der Luftschiffhallen und der Anlagen fĂŒr die Herstellung des Traggases.

Graf von Zeppelins Nachfolger Hugo Eckener (1868-1954), der schon lange die friedliche als die militĂ€rische Nutzung favorisiert hatte, versuchte unter großen Schwierigkeiten die Bestimmungen von Versailles zu umgehen und baute zwei kleinere Zivilluftschiffe, LZ 120 und LZ 121, welche allerdings 1921 auf Forderung der SiegermĂ€chte an Italien und Frankreich auszuliefern waren.

Die kurze BlĂŒtezeit der mondĂ€nen Luftschifffahrt sollte ausgerechnet mit einem Auftrag eines ehemaligen Kriegsgegners beginnen, denn der Umstand, dass die Vereinigten Staaten von Amerika selbst kein funktionstĂŒchtiges Schiff zu bauen vermochten, veranlasste diese den Auftrag an die Zeppelin-GmbH zu vergeben, die 1924 das Luftschiff LZ 126 oder das Amerikaluftschiff fertigstellte. Zwar erhielt man in Friedrichshafen kein Geld fĂŒr das Schiff, da es von den USA mit den Reparationskosten verrechnet wurde, aber es war der Wiedereinstieg in den kommerziellen Zeppelinbau und die Vorlage fĂŒr das Luftschiff Graf Zeppelin, welches knappe vier Jahre spĂ€ter zum ersten Mal ĂŒber Salzburg hinweggleiten sollte.

LZ 127 war ĂŒber 236 m lang, 30,5 m breit und sein Traggasvolumen von 105.000m3 machten es zu einem wahrlichen Giganten der LĂŒfte, der mit 5 Maybach-Motoren, einer Gesamtleistung von 2850 PS sowie einer Höchstgeschwindigkeit von 128 km/h etwa 12.000 km am StĂŒck zurĂŒcklegen konnte. Mit durchschnittlich 45 Mann Besatzung und 25 GĂ€sten, die fĂŒr die an Bord herrschenden PlatzverhĂ€ltnisse in wahrem Luxus reisten, wurde LZ 127 zum erfolgreichsten Luftschiff aller Zeiten. Durch 1,7 Millionen unfallfreie Kilometer bei 590 Fahrten, 139 AtlantikĂŒberquerungen nach Nord- und SĂŒdamerika, 34.000 transportierten Passagieren, hĂ€lt das Luftschiff Graf Zeppelin noch heute Weltrekorde fĂŒr Luftschiffe aller Klassen.[3]

Hugo Eckener stand selber am Steuer, als LZ 127 in den Morgenstunden des 28. September 1928 abhob um eine Tagesreise von Friedrichhafen am Bodensee ĂŒber MĂŒnchen und Salzburg nach Wien und zurĂŒck zu unternehmen. Das Wetter war zunĂ€chst schlecht und noch auf dem Weg nach MĂŒnchen war nicht klar, ob der Zeppelin die Grenze zur Alpenrepublik ĂŒberhaupt ĂŒberqueren wĂŒrde. Das Wetter wurde jedoch zusehends besser und knapp vor 9 Uhr verließ der Zeppelin den Luftraum von MĂŒnchen in Richtung Salzburg, wie es den Radiosendungen der bayrischen Landeshauptstadt zu entnehmen war. Ein mitreisender Journalist schrieb: „MĂŒnchen ist in zwei großen Schleifen umrundet, Deutsches Museum, Oktoberfestwiese, Rathaus – durch das Motorensummen des Luftschiffes hindurch hörten wir den Jubel der MĂŒnchner. „Graf Zeppelin“, von einer Staffel Flugzeuge der Verkehrsfliegerschule Schleißheim ein StĂŒck begleitet, nimmt Kurs nach SĂŒden, die Berge werden grĂ¶ĂŸer, nĂ€her – Salzburg!“[4]

Das Luftschiff flog um 10 Uhr 6 Minuten von Nordwesten her in einer Höhe von 700 m in einer großen Schleife ĂŒber Lehen, Elisabethvorstadt, Schallmoos, Kapuzinerberg, Nonntal, Leopoldskron und Maxglan. In der Stadt standen tausende in den Fenstern, auf Balkonen, DĂ€chern und PlĂ€tzen und winkten dem Koloss zu, wĂ€hrend dieser von dem winzig wirkenden Flugzeugs des Salzburger Flughafens umkreist wurde. Keine 10 min spĂ€ter verließ der Zeppelin die Stadt in Richtung Braunau am Inn. Im Vergleich zu den spĂ€teren Reisen von LZ 127, die das Schiff einmal um die Welt (1929), nach Moskau (1930) ins Polargebiet (1931) oder viele Male nach Nord- und SĂŒdamerika brachten, war der Salzburgbesuch eine vergleichsweise unspektakulĂ€re Reise, doch diente sie in der Erprobungsphase dem Erkenntnisgewinn. Einerseits musste das Schiff mit widrigen Wetterbedingungen wie Starkregen und Windböen fertigwerden, andererseits wurde erstmalig „Blaugas“ zum Antrieb der Motoren verwendet und dessen Wirken bei verschiedensten Manövern zufriedenstellend getestet. Schwachstellen in Konstruktion und Technik mussten gefunden werden, wollte man das Schiff doch baldigst im Liniendienst nach Nord- und SĂŒdamerika einsetzen.

Es waren nur wenige Minuten, die das Luftschiff ĂŒber dem Himmel von Salzburg zu sehen war, doch sollte es nicht bei diesem kurzen Besuch bleiben. Bereits im Mai 1929 sowie in den beiden Folgejahren war der graue Riese wieder ĂŒber der Mozartstadt zu sehen.

Mit dem Jahre 1933 begann der Nationalsozialismus in Deutschland seinen Schatten auf die Luftschifffahrt zu werfen und die kurze BlĂŒtezeit ging langsam zu Ende. Die Nationalsozialisten sahen in den Luftschiffen eine ĂŒberholte Technik, die es zu Gunsten der Flugzeugtechnik nicht weiter zu fördern galt, doch erkannten sie sehr wohl die propagandistische Wirkung der weltbekannten FluggerĂ€te. Als der Nachfolger von LZ 127 im MĂ€rz 1936 ĂŒber Salzburg erschien, trug er neben dem Schiffsnahmen „Hindenburg“ und der Kennung LZ 129 bereits das Hakenkreuz an den Leitwerken und von Zeit zu Zeit wurden Propagandafahrten unternommen, bei denen das Volk aus der Luft mit Marschmusik und Naziparolen beschallt wurde.

Das Ende fĂŒr LZ 127 und den weiteren Großluftschiffen kam plötzlich und unerwartet. Die noch existierenden Zeppeline wurden nach Kriegsbeginn 1940 verschrottet, um, so das Reichsluftfahrtministerium, an kriegsnotwendiges Aluminium fĂŒr die LuftrĂŒstung zu gelangen. Ein Wiederaufleben des luxuriösen Reisens in Großluftschiffen wurde in den 1950ern kurz angedacht, konnte aber bis zum heutigen Tage nicht realisiert werden.


[1] Salzburger Volksblatt, Nr. 233, 28.9.1928, S. 7

[2] Wolfgang Meighörner: Der Graf 1838-1917, Gessler Verlag, Friedrichshafen, 2000, S. 7

[3] Bock/Knauer: Leichter als Luft: Transport- und TrÀgersysteme, S. 33

[4] Salzburger Volksblatt, Nr. 233, 28.9.1928, S. 7