Segelflug am Gaisberg: Die AnfÀnge der Segelfliegerei am Hausberg der Salzburger

  • Entstehungszeitraum: 1930-1950
  • Entstehungsort: Salzburg
  • Objektart: Fotos
  • Artikel-Autor: Werner Friepesz
  • GrĂ¶ĂŸe: verschieden
  • Standort/Signatur: Salzburg Museum InvNr Foto 43796_6, InvNr Foto 43796_11, InvNr Foto 43796_4, InvNr Foto 43796_14, InvNr Foto 44288
  • Physisch benutzbar: ja
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Es dĂŒrfte wohl nicht mehr viele Bewohnern der Landeshauptstadt geben, die sich noch an die AnfĂ€nge der Segelfliegerei an den HĂ€ngen des Gaisbergs erinnern können. Mittlerweilen sind 90 Jahre vergangen, seit sich tollkĂŒhne Piloten in selbstgebauten „Seifenkisten“ erstmals vom Hangwind des Berges in die Höhe und dann vom thermischen Aufwind ĂŒber die Stadt tragen ließen.

EinschrĂ€nkungen eines verlorenen Krieges, landschaftliche Gegebenheiten und der unbedingte Wille Einzelner, sich in die LĂŒfte zu erheben, fĂŒhrten dazu, dass sich der Hausberg der Salzburger fĂŒr fast ein Jahrzehnt zu einem Mekka der Segelfliegerei entwickeln konnte.

Die Fotosammlung des Salzburg Museum ist 2018 in den Besitz eines unscheinbaren Albums gekommen, das 34 Fotografien aus den frĂŒhen Jahren der Segelfliegerei am Gaisberg und dem Stadtrand von Salzburg beinhaltet. Diese Aufnahmen verdanken wir einem heute unbekannten Piloten oder Segelflugbegeisterten und sind ein Fund des Museumsmitarbeiters Stephan Wagner, der dieses aeronautische Kleinod bei einem Salzburger AltwarenhĂ€ndler entdeckte.

Die Wiederaufnahme des Segelflugs in Deutschland und Österreich
Mit den VertrĂ€gen von Versailles und Saint-Germain-en-Laye wurden dem Deutschen Reich und Österreich der Bau und Betrieb motorisierter Flugzeuge verboten. „Die Sieger des Weltkriegs hatten  den Besiegten den Himmel gesperrt.“ Diese nĂŒchterne Feststellung veranlasste ehemalige Fliegerasse, Feldpiloten, Flugzeugtechniker und Flugbegeisterte, sich der Planung und dem Bau von Segelflugzeugen zuzuwenden, weil dies nicht untersagt war. Die nun rasant einsetzende Weiterentwicklung der Segelfliegerei hatte ihr Zentrum zunĂ€chst auf der Wasserkuppe im westdeutschen Rhöngebirge, wo bereits ab 1920 internationale Segelflugwettbewerbe abgehalten wurden und nur vier Jahre spĂ€ter die weltweit erste Flugschule ihren Betrieb aufnahm. Kurz darauf kam es zur GrĂŒndung einer Flugschule bei Rossitten in Ostpreußen. Hier an der Ostsee, im stĂ€ndigen Aufwind an den DĂŒnen der Kurischen Nehrung, konnte der ehemalige Weltkriegspilot Ferdinand Schulz 1927 sĂ€mtliche Segelflugweltrekorde erringen. In Österreich wurde 1921 mit GrĂŒndung der Sektion „Gleit- und Segelflug“ des Verein fĂŒr Luftschifffahrt in der Steiermark der Startschuss fĂŒr die Nachkriegsfliegerei gesetzt. Salzburg zog vier Jahre spĂ€ter mit der Flugtechnischen Gemeinschaft nach, ihr folgte 1930 die Aero-Sektion der Salzburger Automobilclubs S.A.C.

Die ersten FlĂŒge
Ganze vier Monate hatten die BrĂŒder Heinrich und Wilhelm Soyka ab Herbst 1928 in den WerkstĂ€tten der Möbel- und Parkettfabrik Preimesberger in Schallmoos an einem eigenen Schulgleiter gearbeitet, der ein Nachbau des 1925 von der Rhön-Rossitten-Gesellschaft (RRG) entworfenen Modells „Zögling“ war. Der Segelflieger glich „(
) eher einer Seifenkiste mit TragflĂ€chen als einer flugtĂŒchtigen Maschine. Das filigrane Werk bestand nur aus einer dĂŒnnen Holzkonstruktion mit einem leichten Überzug und wog etwa 80kg“.[1] Der allererste Flug nahe der Landeshauptstadt fand dann allerdings nicht vom Gaisberg, sondern unter Beisein zahlreicher Schaulustiger vom verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig kleinen Goiser HĂŒgel bei Wals-Siezenheim statt. Den ersten Start vom Gaisberg am 27. Juli 1930 konnte sich jedoch kein Salzburger an die Fahne heften, sondern zwei Piloten aus dem bayerischen Rosenheim. Paul Konrad und Karl Seifert starteten mit ihren Segelfliegern Koro 4 und Koro 3 vom Plateau und landeten nördlich des Kapuzinerbergs bzw. nach einem Flug ĂŒber die Stadt am Rande des Maxglaner Flugfeldes. Damit war der Startschuss gefallen und von nun an wagten sich auch die Salzburger zum Fliegen auf ihren Hausberg. So bewĂ€ltigte der Salzburger Hans Wolf (1910-1992), ebenfalls in einem Zögling-Nachbau, im November desselben Jahres den Streckenflug vom Plateau zum Flugplatz Salzburg-Maxglan. Reger Flugbetrieb mit Rekordversuchen, Wettbewerben und Meisterschaften entwickelte sich in den kommenden Jahren. Der Gaisberg bot die ideale Ausgangslage dafĂŒr.

Der Gaisberg als Mekka der Segelfliegerei
Der international bekannte österreichische Segelflugpionier Robert Kronfeld (1904-1948) bezeichnete im Oktober 1932 den Gaisberg anlĂ€sslich einer Rede im Mozarteum als das beste Segelflug-HochleistungsgelĂ€nde in ganz Europa.[2] Zweifellos war die Eröffnung der Gaisbergstraße im Mai 1929 von unschĂ€tzbarem Wert fĂŒr den Segelflugsport, konnten so die sperrigen Flugzeuge, die mitunter ĂŒber 100kg Eigengewicht hatten, auf unkomplizierte Weise mit einem Auto zum Startplatz am Gipfelplateau, der Zistel- oder Judenbergalpe geschleppt werden. Entscheidend fĂŒr Kronfelds EinschĂ€tzung dĂŒrften jedoch die geografischen Besonderheiten des Berges und die thermischen Gegebenheiten gewesen sein. Die Pyramidenrumpfform des Berges lĂ€sst Starts in jede Richtung zu, besonders effizient jedoch von der Zistelalpe und Judenbergalpe bei West- und SĂŒdwestwind sowie vom Startplatz Koppl am Ostrand des Bergs. Der Anschluss an die Hangaufwinde der umliegenden Gebirge ist leicht zu finden und lĂ€sst je nach anstehendem Wind lange StreckenflĂŒge nach Norden, SĂŒden oder Westen zu.

Starten mit einem Gummiseil
Ein kleines Spektakel stellte damals das Startprocedere dar. WĂ€hrend das FluggerĂ€t von mehreren Personen gehalten wurde, liefen bis zu einem Dutzend anderer vor der Maschine los um ein Gummiseil zu spannen. Kurz vor der Dehngrenze des Gummis ließ die Haltemannschaft den Flieger los und dieser schnellte daraufhin in die Luft. Erst ab 1933 wurden, wenn möglich, Starts per Autoschlepp durchgefĂŒhrt, was sich als wesentlich effektiver erwies.

Eigene Modelle werden gebaut
Sowohl die ersten Flugversuche Ende der 20er-Jahre auf den kleinen HĂŒgeln rund um die Landeshauptstadt, als auch die AnfĂ€nge am Gaisberg, wurden vor allem in Flugzeugtypen der RRG durchgefĂŒhrt, die von lokalen Flugzeugenthusiasten in Lizenz eigenhĂ€ndig gefertigt wurden. Dies sollte sich ab dem Jahre 1932 Ă€ndern, als der Pfongauer Möbeltischler Sepp Engel (1907-1933) nach vierjĂ€hrigem Auslandaufenthalt nach Salzburg zurĂŒckkehrte und mit dem Bau eigener Segelflugzeuge zu internationaler Bekanntheit gelangen sollte. Engel sammelte seine Erfahrungen als Designer, Konstrukteur und Pilot von Segelflugzeugen in Rossitten und auf der Wasserkuppe, was ihm ermöglichte, den Standartflieger „Zögling“ der RRG weiterzuentwickeln und zu einem ĂŒberaus gĂŒnstigen Preis in den drei AusfĂŒhrungsvarianten „Gaisberg 10, 11 und 12“ anzubieten. Die ĂŒberaus effizienten Flugzeugmodelle waren verstĂ€rkt, hatten bessere Flugeigenschaften und ließen sich einfacher zusammensetzen als ihre VorgĂ€nger. Durch ihre Serienfertigung konnten Standardteile einfach ersetzt bzw. aus verunglĂŒckten Maschinen wiederverwertet werden. Bei einer groß angelegten Segelflug-Ausstellung im Carabinieri-Saal der Residenz, konnte Engel 1932 seine Kleinserie einer staunenden Öffentlichkeit und einer sehr wohlwollenden Presse prĂ€sentieren. Diese prophezeite der noch jungen Sportart enormen Zulauf und betrachtete das Gleiten ĂŒber dem Gaisberg ĂŒberdies als kommenden Tourismusmotor.[3] Aber nicht nur Lokalpolitiker und Wirtschaft maßen dem Segelflug enorme Bedeutung zu.

Politische Bedeutung des Segelfliegens ĂŒber die Landesgrenzen hinaus
Der Segelflug gilt als Königsdisziplin des Fliegens, ist man ohne Motor nur auf sein Können und sein Wissen ĂŒber Thermik angewiesen. Dass die besten Piloten aus dem Segelflug kommen, wussten nicht nur die Nationalsozialisten, sondern auch Politiker des StĂ€ndestaates.  So weist Bundeskanzler Schuschnigg auf die vormilitĂ€rische Bedeutung des Segelflugs hin und erklĂ€rt den Österreichischen Luftfahrverband mit den vorhandenen Mittel zu unterstĂŒtzen.[4] Die ehemals eigenstĂ€ndige Salzburger Segelfliegervereinigung sowie die Aero-Sektion es S.A.C. wurden im Oktober 1934 zum Österreichischen Aeroclub Landesverband Salzburg zusammengeschlossen. Ab 1935 wurden die VerbĂ€nde schließlich militĂ€risch umgestellt und autoritĂ€r gefĂŒhrt. Die bisherigen ObmĂ€nner wurden zu GruppenfĂŒhrern und die Namen der Vereine gegen Nummern ausgetauscht.[5] Ab 1937 hieß der Salzburger Landesverband schließlich Segelfliegergruppe 401. So wĂ€re es nur schlĂŒssig, wenn die Nationalsozialisten die Segelflugausbildung der Jugend auf dem Gaisberg nach dem Anschluss 1938 weiter vorangetrieben hĂ€tten. TatsĂ€chlich aber waren nach dem Anschluss FlĂŒge vom Gaisberg nicht mehr erwĂŒnscht und spĂ€testens aber dem Kriegsausbruch 1939 gĂ€nzlich verboten. Grund dafĂŒr war die militĂ€rische Bedeutung des Salzburger Hausbergs. Zum einen wurde auf dem Gipfelplateau eine LuftraumĂŒberwachungsstation eingerichtet, zum anderen sollte eine Außenstelle des Ferdinand-Braun-Instituts an der Weiterentwicklung der noch frĂŒhen Radar-Technologie forschen.[6]

Die Nachkriegszeit
Nach dem 2. Weltkrieg war der Segelflug von den Alliierten vorrĂŒbergehend verboten worden und konnte erst 1950 wieder aufgenommen werden, was den BemĂŒhungen unzĂ€hliger Flugenthusiasten zu verdanken ist. Die Zeit, vom Gaisberg zu starten und ĂŒber der Stadt zu gleiten, war allerdings vorbei. Der Flugplatz Zell am See war das neue Zentrum fĂŒr Winden- und Schleppstarts und schließlich wurde der Flugzeughangar auf der Zistelalpe abgebaut. Ab 1971 durften die Gleiter auch nicht mehr auf dem Flughafen landen und es verblieb nur das gepachtete GelĂ€nde in Koppl, ĂŒber dem man sich zumindest bis Anfang der 1990er Jahre in die LĂŒfte kurbelte, aber sich den Luftraum bereits mit Drachenfliegern und Paragleitern teilen musste.


[1] Hanus Salz und Harald Waitzbauer: Im Flug ĂŒber Salzburg. Igo Etrich und der Beginn des Flugwesens in Salzburg. Schriftenreihe des LandespressebĂŒros, Salzburg 1993, S. 131

[2] Salzburger Volksblatt, 19. Oktober 1932, Seite 5 und 6

[3] Salzburger Chronik, 21. Mai 1932, S. 5

[4] Salzburger Chronik, 26. Mai 1937, S. 4

[5] Reinhard Keimel: Segelflug am Spitzerberg und Hundsheimer Kogel, Sutton Verlag GmbH 2010, S. 41

[6] Schriftenreihe des Vereins Freunde der Salzburger Geschichte: Geheime Kommandosache Gaisberg. Band 22, 1996