Brief Max Reinhardts an Fürsterzbischof Ignaz Rieder

  • Entstehungszeitraum: 16. Juli 1920
  • Entstehungsort: Salzburg
  • Objektart: Archivale (Brief)
  • Autor/Künstler: Max Reinhardt
  • Artikel-Autor: Christine Gigler
  • Material/Technik: Papier, masch., eigenhändige Unterschrift
  • Größe: H: 22,3 cm; B: 17,0 cm; 4 Einzelblätter
  • Standort/Signatur: Archiv der Erzdiözese Salzburg, AT-AES 6.16 Nr. 28
  • Physisch benutzbar: ja
  • Literatur:

    Jedermann in Europa. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Eine Ausstellung der Max Reinhardt-Forschungs- und Gedenkstätte, Salzburg, Schloß Arenberg, 27. Juli bis 31. August 1978, bearb. von Edda Fuhrich-Leisler, Gisela Prossnitz und Fritz Fuhrich, Salzburg 1978.
    Leonhard M. Fiedler, Max Reinhardt und Salzburg. Die Geburt des Festspiels aus dem Geist des Rituals, in: „Und jedermann erwartet sich ein Fest.“ Fest, Theater, Festspiele. Gesammelte Vorträge des Salzburger Symposions 1995 (Wort und Musik 31), hg. von Peter Csobádi, Anif/Salzburg 1996, S. 65–78.
    Gisela Prossnitz, Jedermann. Von Moissi bis Simonischek, Salzburg 2004.
    Norbert Christian Wolf, Hugo von Hofmannsthals Gründung der Salzburger Festspiele, Salzburg 2014.

     

image_pdfimage_print

Am 22. August 1920 fand die Premiere von Hugo von Hofmannsthals Theaterstück „Jedermann“ in der Inszenierung Max Reinhardts in Salzburg statt. In diesem Schreiben vom 16. Juli 1920 wandte sich Max Reinhardt an Fürsterzbischof Ignaz Rieder (1918–1934), um diesem den Plan für seine Inszenierung persönlich vorzustellen und für dessen Unterstützung zu danken.

Die Geburtsstunde der Salzburger Festspiele
Mit der „Jedermann“-Premiere im August 1920 erlebten die Salzburger Festspiele ihre Geburtsstunde. Seitdem wird das Stück jedes Jahr mit großem Erfolg in Salzburg aufgeführt, ja mit der Stadt und ihren Festspielen identifiziert.

Bereits die Uraufführung des „Spiels vom Sterben des reichen Mannes“, das Hofmannsthal nach dem Vorbild mittelalterlicher Mysterienspiele gestaltet hatte, wurde 1911 von Max Reinhard in Berlin an einem bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts unüblichen Spielort – einem Zirkus – in Szene gesetzt. Damit wurde der Idee der Großrauminszenierung ein entscheidender Impuls verliehen. Theaterreformer wie Reinhardt waren bestrebt, die szenische Funktion des Raumes neu zu bestimmen und eine Alternative zum konventionellen Theaterbau zu finden. Auf einer freien Agora konnte dem Publikum – anders als bei der Guckkastenbühne – eine durchdachte, die theatralischen Effekte betonende Massenregie geboten werden, durch die es auch selbst in das Geschehen einbezogen wurde. Für den Salzburger „Jedermann“ wählte Reinhardt in Ermangelung eines Festspielhauses erneut einen außergewöhnlichen Spielraum – den Platz vor dem Salzburger Dom.

Der Domplatz als Bühne
In dem hier vorgestellten Schreiben vom 16. Juli 1920 wandte sich Max Reinhardt an Fürsterzbischof Ignaz Rieder, um ihm seine Ideen für die Inszenierung des „Jedermann“ darzulegen und für das Wohlwollen zu danken, mit dem der Salzburger Erzbischof der Aufführung vor dem Dom – „diesem ganz besonders dafür geeigneten Platz“ – zugestimmt hatte. Erzbischof Rieder genehmigte außerdem für die Dauer der etwa eineinhalb Stunden umfassenden Spielzeit, das Glockenläuten der umliegenden Kirchen weitgehend einzustellen, um die Darbietung der Schauspieler nicht zu stören. Reinhardt betonte besonders die „wohltätigen Zwecke“, welche die Festspielhaus-Gemeinde mit der Vorstellung verfolgte. Er unterließ es aber auch nicht, sein eigenes künstlerisches Interesse an der Wiederbelebung mittelalterlicher Kirchenspiele hervorzuheben, die er dem Erzbischof gleichzeitig als „vornehmste Aufgabe“ des „bischöflichen Salzburg“ präsentierte.

Bis heute ist Hofmannsthals „Jedermann“ „Wahrzeichen und Symbol“ der Salzburger Festspiele geblieben. An Max Reinhardts ursprünglichem Inszenierungskonzept orientierten sich viele Regisseure im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Die Wahl des Domplatzes als Spielstätte trug dabei nicht unwesentlich zu diesem nachhaltigen Erfolg bei.