Luthers Hauspostille bei den Defereggern

  • Entstehungszeitraum: 1544-1547
  • Entstehungsort: Augsburg
  • Objektart: Druckwerk
  • Autor/K├╝nstler: Martin Luther / Valentin Otmar
  • Artikel-Autor: Bernhard Humpel
  • Material/Technik: Papier, bedruckt
  • Gr├Â├če: Folio (2┬░)
  • Standort/Signatur: Archiv der Erzdi├Âzese Salzburg, DBS-FD 369
  • Physisch benutzbar: nein
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Das Lexikon f├╝r Theologie und Kirche schreibt in seiner 3. Aufl. (ab 1993) zur Hauspostille (Haw├čpostill D. Martin Luther, vber die Sontags, vnd der f├╝rnembsten Fest Euangelia, durch das gantze Jar . – Augsburg 1547): Ein Buchtyp, der den Perikopen-Zyklus eines Kirchenjahres und darauf bezogene Auslegungen enth├Ąlt, meist in Gestalt einer Homilie. Die Verbindung von Bibelwort und Exegese ÔÇ×post illa textus verbaÔÇť (nach jenen Worten des Textes) repr├Ąsentiert das Prinzip der Wortverk├╝ndigung[1].

Solche Postillen gab es schon in der Zeit vor Luther, so erschien etwa 1515 eine aus Predigten des Stra├čburger M├╝nsterpredigers Johannes Geiler von Kaysersberg. Einen Aufschwung nahm diese Gattung aber zweifellos durch die Reformation und Martin Luther selbst setzte Ma├čst├Ąbe dabei, 1522 erschien seine Kirchenpostille, 1544 seine Hauspostille, die f├╝r den Gebrauch bei h├Ąuslichen Andachten bestimmt war und somit die besten Voraussetzungen f├╝r die Geheimprotestanten bot.

Unser Exemplar ist ein Druck von Valentin Otmar, Augsburg 1547, der den Betrieb wohl 1541 von seinem Vater ├╝bernommen hatte, welcher bereits viel Reformatorisches gedruckt hatte. Auf dem Schmutztitel findet sich der handschriftliche Besitzvermerk: Mir Georg Hopfgartner zu Hag zu St. Veit zue geh├Ąrig.

St. Veit d├╝rfte jenes in Defereggen sein, da wir dort auch einen Georg Hopfgartner finden, er wird des ├ľfteren in den Quellen zur Vertreibung dort genannt, 1693 bereits als F├Ąrber in Augsburg.

Wie Dissertori ausf├╝hrt d├╝rfte die Ausbreitung der ÔÇ×neuen LehreÔÇť unter den Bewohnern des salzburgischen Teiles des Defreggentals (also dem sog. ├äu├čeren) ihre Hauptursache im Niedergang des Bergbaus haben. Die Bewohner waren gezwungen, sich neue Einkommensquellen zu verschaffen und zogen als Kr├Ąmer (Hausierer) und Spielleute in die gro├čen St├Ądte Deutschlands. Dort lernten sie nicht nur Menschen evangelischer Konfession kennen, sondern auch die zugeh├Ârigen Druckwerke, die sie in ihre Heimat mitbrachten. Dieser Prozess d├╝rfte noch am Ende des 16. Jahrhunderts begonnen haben. Als 1666 an den Matreier Pfleger der Befehl ergangen war, eine Visitation durchzuf├╝hren, stellte sich heraus, dass schon der fr├╝here Vikar von St. Veit in seiner Zeit dort eine Hauspostille aufgest├Âbert hatte. Zu Beginn der Hausdurchsuchungen nach B├╝chern wird Georg Hopfgartner im Bericht des Pflegers von 1667 genannt. Da die Visitation keinen nennenswerten Erfolge zeigte wurde in den n├Ąchsten Jahren nicht viel unternommen, erst durch die Anzeige eines hausierenden Bildschnitzers an den kirchlich zust├Ąndigen Erzpriester von Gm├╝nd kam 1680 neue Bewegung in die Causa.1683 erfolgte die erste Ausweisung, was den Widerstand der Deferegger aber keinesfalls erlahmen lie├č. Salzburg ordnete 1684 Glaubensverh├Âre im gro├čen Stil an, die ziemlich viel Widerspr├╝chliches zu Tage f├Ârderten. Dies geschah wohl einerseits als Selbstschutz der Talbewohner, es d├╝rfte andererseits aber auch daher r├╝hren, dass es keine lutherischen Lehrer oder Prediger vor Ort gab und die katholischen Vikare nicht gut gebildet und schlechte Prediger waren. [2] Erst als sichtbar wurde, dass die diversen Zwangsma├čnahmen (Ausweisung von Wortf├╝hrern, verschiedene Verbote etc.) nicht fruchteten entsandte F├╝rsterzbischof Max Gandolf im Mai 1684 zwei Kapuziner nach St. Veit, um die Deferegger zum ÔÇ×wahren GlaubenÔÇť zur├╝ckzuf├╝hren. Doch konnten sie nichts erreichen, das Volk blieb bei seinen Meinungen. Im Juli sollten drei vermeintliche R├Ądelsf├╝hrer verhaftet werden, doch misslang die Aktion und flog auf, woraufhin die Deferegger vor dem Pfleger ein Ansuchen stellten, dass ÔÇô sollte man sie nicht in Ruhe lassen wollen ÔÇô sie lieber das Land verlassen. Dazu kam es dann am 13. und 29. Dezember 1684. Im darauffolgenden Jahr versch├Ąrfte Salzburg seine Vorschriften und Durchf├╝hrungen, Anfang September 1685 wird die Zahl der Emigranten mit 568 angegeben. Zu dieser Zeit protestierte das Corpus Evangelicorum scharf. Die evangelischen F├╝rsten warfen den Beh├Ârden des Erzstifts Salzburgs unter anderem den Bruch des Westf├Ąlischen Friedens vor, was Max Gandolf mit dem Argument zu umgehen suchte, dass es sich bei den Defereggern um eine neue Sekte und keine anerkannte Konfession handle. Auch nach dem Tod Max Gandolfs 1687 zog sich der Streit zwischen Salzburg und den evangelischen St├Ąnden weiter hin, ein w├╝rttembergischer Gesandter musste 1688 unverrichteter Dinge aus Salzburg zur├╝ckkehren. Schlie├člich erlie├č der Kaiser 1690 einen Befehl zu Gunsten der Deferegger, dem sich 1691 auch F├╝rsterzbischof Johann Ernst von Thun nolens volens anschloss. So konnten die meisten Deferegger kurz zur├╝ckkehren, um ihre Kinder zu holen und ihre Besitzverh├Ąltnisse vor Ort zu regeln.

Wie das Buch nach der Vertreibung in die Priesterhausbibliothek Salzburg gelangt ist, bleibt unklar, nach jetzigem Wissensstand stellt es das einzige protestantische Buch mit nachvollziehbarem Bezug zur Vertreibung der Deferegger innerhalb der Best├Ąnde der Di├Âzesanbibliothek Salzburg dar. Es ist aber in jedem Fall zu erw├Ąhnen, dass die Quellen immer wieder von der Verbrennung von bei Defereggern aufgest├Âberten ÔÇ×lutherischenÔÇť B├╝chern berichten. Im vierten Band des um 1782 in der Colloredo-Zeit angelegten B├╝cherkataloges des F├╝rsterzbisch├Âflichen Priesterhauses in Salzburg ist diese Hauspostille bereits verzeichnet, allerdings ohne Angaben zu deren Provenienz, das diesem Katalog vorausgehende Verzeichnis stammt aus der Zeit vor 1684. F├╝r die Dauer der Ausstellung (28. 10. 2017 bis 4. 3. 2018) Reformation500ÔÇô Salzburg und der Protestantismus befindet sich das Exemplar im Salzburgmuseum.

[1] Lexikon f├╝r Theologie und Kirche, Freiburg im Breisgau 1999, Bd. 8, Sp. 455

[2] Dissertori, Alois: Auswanderung der Defregger Protestanten: 1666 – 1725. – 2., erg. Aufl., Innsbruck: Wagner, 2001 (Schlern-Schriften 235 ) ; Ortner, Franz: Reformation, katholische Reform und Gegenreformation im Erzstift Salzburg. Salzburg: Pustet, 1981, S. 154-165